München – Lange, nervenaufreibende Ballwechsel. Breaks gefolgt von Re-Breaks. Ein Kampf über drei Sätze und mehr als zwei Stunden. Wer zufällig in das Match von Angelique Kerber gegen Kristina Mladenovic zappte, fühlte sich an die großen Tennistage der deutschen Nummer eins erinnert. Einziges Problem: Es handelte sich nicht um das Wimbledon – oder Australian-Open-Finale. Es war die erste Runde der US Open. Und die Gegnerin hieß nicht Serena Williams oder Simona Halep, sondern eben Kristina Mladenovic, Nummer 54 der Weltrangliste.
Mit dem 5:7, 6:0, 4:6 gegen die Französin endet das Grand-Slam-Jahr für die ehemalige Weltranglisten-Erste so wie es viele Experten schon vor ihrem ersten Aufschlag in New York vorausgesagt hatten – mit einer herben Enttäuschung und der Erkenntnis: Die beste deutsche Tennisspielerin muss handeln, ihre Komfortzone verlassen und sich dringend sportliche Kompetenz ins Team holen. Sonst kann man der Kielerin nur raten, über ihr Karriere-Ende nachzudenken. Leistungen wie gegen Mladenovic sind einer dreifachen Grand-Slam-Siegerin nicht würdig.
Es ist aber auch zu billig, nur auf die 31-Jährige einzuhauen. Auch gegen die Freundin von Österreichs Tennis-Superstar Dominic Thiem blitzten Kerbers Stärken auf. Wie ihre Konterqualitäten oder ihr enormer Kampfgeist. Sie hat jedoch keinen Plan mehr, sobald ihre Gegnerinnen langsamer und variantenreich spielen. Besonders bitter: Ausgerechnet ihre Kontrahentin in New York demonstrierte ihr, welchen Einfluss ein schlauer Trainer auf ein Match haben kann.
Sascha Bajin, der in München geborene Coach von Mladenovic, schickte seinen Schützling nämlich mit einer klaren Marschroute auf den Platz: Immer wieder hohe Topspinbälle einstreuen, um dann mit der Vorhand zu attackieren. Und das Tempo mit Slice-Bällen aus dem Spiel nehmen, um die Konterspielerin Kerber zu eigenen Aktionen zu zwingen. Genau genommen wurde Kerber nicht auf dem Platz geschlagen, sondern bereits vorher im Kopf von Sascha Bajin.
Solche Matchpläne sind bei Kerber nicht mehr präsent. Seit der Trennung von Rainer Schüttler im Juli ist Kerber ohne Trainer unterwegs. Mit Aljoscha Thron begleitete sie zwar ein Tennisfachmann, der selber auf internationalem Niveau gespielt hat, Thron ist jedoch für finanzielle Belange zuständig. Er handelt Werbeverträge aus und ist nicht der Mann, der sie auf dem Platz nach vorne bringt.
Sie benötigt aber niemand, der ihr den hundertsten Werbevertrag verschafft. Sondern jemand, der ihr wieder eine Spiel-Idee aufzeigt. Einen Typ wie Sascha Bajin. Sonst bleibt uns bald nur noch die Erinnerung an eine große deutsche Tennisspielerin.