Die Kraftquelle aus Pirot

von Redaktion

Auch mit 70 führt Svetislav Pesic ein Leben in Diensten des Basketballs – das wird sich auch so schnell nicht ändern

VON PATRICK REICHELT

München – Natürlich hat sich Svetislav Pesic auch diesmal nicht in die Karten schauen lassen. Und so wusste bis zuletzt noch nicht einmal Sohn Marko, wo der Vater denn nun tatsächlich seinen heutigen 70. Geburtstag begehen wird. Klar ist nun: Pesic senior ist in Barcelona, die große Party wird dann am Freitag folgen. Wie es sich gehört in Pirot, der alten Heimat in Serbien, wo der Mann noch ein Häuschen besitzt.

Natürlich wird das Fest im Zeichen des Basketballs stehen. Basketball ist Svetislav Pesics Leben. Wie soll es auch anders sein. 15 Jahre ist der Mann Spieler gewesen, mehr als 40 Spielzeiten nun schon Trainer. Und ein Ende ist nicht unbedingt absehbar. Erst vor einigen Wochen hat er dem FC Barcelona für zwei weitere Jahre sein Ja-Wort gegeben. Mit den kräftig aufgerüsteten Katalanen soll er nicht weniger als Europas Spitze erobern. Eine Aufgabe, der er sich mit aller Energie stellt.

Nur einmal, ein einziges Mal hatte man ihn anders erlebt. 2016 nämlich, in der Endphase seines Engagements beim FC Bayern. Als monatelange Schmerzen im vom langen Leben mit dem Sport schwer lädierten Knie ihm die Kräfte raubten, da wirkte Pesic plötzlich müde. „Da dachte ich schon, ich höre auf“, sagte der Münchner Meistercoach von 2014 unserer Zeitung.

Eine Operation brachte seine Lebensgeister zurück. Und als dann auch noch sein Freund Josep Maria Bartomeu bei ihm anklingelte, da war es um die Gedanken an Ruhestand endgültig vorbei. Bartomeu ist Präsident des FC Barcelona, und als solcher wollte seine kriselnden Basketballer wieder beleben. Da lag es nahe, an den Mann zu denken, der dem Verein 2003 das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Euroleague beschert hatte. Pesic sagte ja, weil man „nicht nein sagen kann, wenn der Präsident anruft.“

Seine Frau Vera bremste ihn nicht. Sie weiß längst, das kann man nicht. Sie zerstreute auch die Bedenken von Sohn Marko: „Du musst ihn machen lassen.“ Marko Pesic hatte einst selbst erlebt, was die berufliche Konsequenz des Seniors bedeutet. Mit zehn Jahren musste er aus Sarajewo nach Deutschland umziehen, weil Svetislav Pesic als Bundestrainer beim Deutschen Basketball Bund (DBB) anheuerte. Ohne Freunde, ohne Sprachkenntnisse saß er in Hagen und versuchte, die Mutter zu überreden: „Laß uns wieder heimgehen, er kann uns doch besuchen, wenn er Zeit hat.“ Natürlich blieben sie. Geschadet hat es offenbar nicht. Der Junior brachte es selbst zum Nationalspieler und ist heute der Chef des Deutschen Basketball-Meisters FC Bayern.

Und Svetislav Pesic? Wurde zu einem der großen Markenzeichen der Szene. Ein Trainer, dessen bloße Anwesenheit Kraftquelle für Spieler sein kann. Und der seine Teams binnen kurzer Zeit zu Höchstleistung treiben kann. In der Heimat ist er eine Legende, spätestens seit er 2002 in Indianapolis mit der Auswahl Jugoslawiens sogar die Basketball-Heimat USA überrumpelte und Weltmeister wurde. Und auch den Deutschen schenkte er den größten Moment ihrer Basketball-Geschichte. 1993 führte er das DBB-Team in der Münchner Olympiahalle zum Europameistertitel – als er das zwei Jahre zuvor bei einer Pressekonferenz ankündigte, hatte er Gelächter geerntet.

Und auch in Barcelona haben sie die besonderen Fähigkeiten des Mannes, der praktischerweise schon längere Zeit oberhalb der Heimspielstätte Palau Blaugrana eine Wohnung besitzt, schnell wieder kennenlernen dürfen. Schon kurz nach seinem Amtsantritt führte Pesic die zuvor schwer verunsicherte Mannschaft zum Pokalsieg. Weiteres soll folgen. Wie, das will er nicht verraten. Weil sich einer wie er nicht in die Karten schauen lässt.

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