Die Orientierungslose

von Redaktion

Nach dem frühen Aus in New York steht Angelique Kerber in der Kritik – ein Trainer muss her

VON DORIS HENKEL

New York – Irgendwie landet Angelique Kerber dieser Tage immer wieder bei den gleichen Sätzen, immer wieder bei den gleichen Erklärungen, und manchmal könnte man meinen, sie habe den kleinen Text auswendig gelernt. Teile davon trug sie vor dem Spiel der ersten Runde vor und Teile danach, nach der Niederlage in drei Sätzen gegen die Französin Kristina Mladenovic. Ein Ergebnis, der die Bilanz im Kleinen wie im Großen nicht allzu gut aussehen ließ. In der kleinen Wertung steht in drei Versuchen seit Anfang Juli kein Sieg mehr, in der großen mit der Bilanz bei den Grand-Slam-Turnieren dieses Jahres sieht es so aus: Zwei Niederlagen in Runde eins, in Paris und bei den US Open, ein gewonnenes Spiel in Wimbledon und als Maximum drei in Melbourne; eine gute Bilanz sieht anders aus.

Dabei ist es wirklich verblüffend, wie deutlich sich der Zweijahresrhythmus wiederholt. Einem großartigen Jahr folgte jeweils ein herber Rückschlag; das Muster von 2016/17 ist 2018/19 klar wieder zu erkennen. Und die Bilanzen der Jahre 17 und 19 sind fast deckungsgleich; im ersten Fall hatte sie nach den US Open von 43 Spielen 25 gewonnen, diesmal sind es 26 von 43. Und die Sache wird irgendwie noch kurioser, wenn man ihre Antwort nach der Niederlage in der ersten Runde der US Open vor zwei Jahren mit jener mit jener nach der Niederlage gegen Mladenovic vergleicht. „Ich brauche einfach mehr Matches“, sagte sie vor zwei Jahren, diesmal meinte sie nach dem neuerlichen Ausrutscher: „Ein, zwei Matches haben mir bestimmt gefehlt.“

Es ist nicht leicht, diese Verlustrechnung auszugleichen; in Phasen wie diesen wird jeder kleine Zweifel zum großen, in vielen Momenten verlässt einen der Mut, weil sich das Gedächtnis nicht in einer positiven Bibliothek bedienen kann, sondern Beispiele der letzten Fehler offeriert. Das Gewicht auf den Schultern wiegt mit jeder Niederlage ein wenig mehr. Die Frage ist, was passieren muss, um vielleicht noch in diesem Jahr oder spätestens im nächsten wieder mit mehr Zuversicht zu spielen und in entscheidenden Momenten nicht drei Schritte zurück zugehen, wie sie es im dritten Satz bei der Niederlage gegen Kristina Mladenovic tat. Wäre es vielleicht hilfreich, möglichst bald wieder einen Trainer an ihrer Seite zu haben? Vermutlich schon. Seit ihrer Trennung von Rainer Schüttler Mitte Juli ist diese Position in ihrem Team noch immer vakant, und es gibt Fachleute, die das längst für keine gute Sache mehr halten.

Boris Becker kommentierte bei Eurosport: „Was ich in Wimbledon gesehen habe und die Wochen danach ohne Trainer und Erfolge, bereitet mir Sorgen. So macht es keinen Spaß und keinen Sinn. Das bringt ihr, uns und ihren Sponsoren nichts, wenn sie so weitermacht. Da muss jetzt mal eine Entscheidung kommen, in welche Richtung die Reise geht.“ Und auch Barbara Rittner, die Chefin des deutschen Frauentennis, die in New York wieder für den Sender arbeitet, meldet doch relativ deutliche Bedenken an. „So wie ich Angie kenne, ist sie niemand, der eine längere Zeit alleine sein sollte. Sie ist auf jeden Fall jemand, der Führung braucht, denn sie ist ein Mensch, der trotz der Erfolge immer wieder zweifelt, sich hinterfragt, sich unwohl fühlt und alleine fast ein bisschen depressiv oder traurig wird. Ich glaube, sie braucht einfach jemanden, der ihr Mut macht und sie bestärkt, aggressiv zu spielen. Und wenn nicht bald jemand an ihrer Seite ist, dann habe ich kein gutes Gefühl.“

Wie Kerber darauf reagiert? Das sehe sie nicht so, sagt sie. „Warum ich verloren habe ist nicht, weil ich keinen Coach habe, da bin ich ganz sicher. Ich werde mir auch weiterhin Zeit nehmen für die Suche und werd mir nicht von jemandem Druck machen lassen.“ Sie werde sicher nichts übereilen, zumal jetzt in den ersten Tagen nach der Niederlage in New York, bevor sie eine Entscheidung darüber fälle, wie es weitergehen solle. Und mit wem.

Besser als Kerber machten es Julia Görges und Andrea Petkovic. Beide stehen bei den US Open in der zweiten Runde. Görges siegte gegen Natalia Wichljanzewa nach einem Fehlstart 1:6, 6:1, 7:6 (7:1) und meisterte zum vierten Mal in Folge ihre Auftakthürde in New York.

Petkovic erreichte hingegen erstmals seit 2016 wieder die zweite Runde in Flushing Meadows. Die frühere Top-10-Spielerin aus Darmstadt bezwang die Rumänin Mihaela Buzarnescu 6:3, 6:4. Auf Petkovic wartet nun die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova.

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