Deutschland ist schon eine seltsame Sportnation: Auf dem Weg an die Spitze gibt es wahrscheinlich wenig euphorischere Fans. Das deutsche Publikum peitscht ihre Helden regelrecht nach oben. Hat ein Sportler aber den Gipfel erklommen, hat sich schon fast eine Sehnsucht nach dem Absturz in Teilen der Öffentlichkeit etabliert. Zu übermenschlich wirken ihre Leistungen. Sie lassen das eigene Dasein plötzlich mickrig erscheinen. Ohne öffentliche Demontage darf sich kein deutscher Athlet als nationaler Held fühlen. Für Rückfragen stehen Boris Becker oder Lothar Matthäus gerne zur Verfügung.
Und ein neues Mitglied macht sich auf den Weg zu dieser illustren Runde: Tennisspielerin Angelique Kerber.
Sportlich muss sich die ehemaligen Weltranglisten-Erste unangenehmen Fragen stellen: Warum reist sie immer noch ohne Trainer? Ist sie wirklich voll austrainiert? Macht es überhaupt Sinn, die Karriere auf diese Art und Weise fortzusetzen? Alles berechtigte Fragen. Auch an dieser Stelle haben wir Kerber in den letzten Wochen nicht verschont.
Nur: Die Häme, mit der sie seit geraumer Zeit in klassischen wie sozialen Medien überzogen wird, ist ihrer sportlichen Bedeutung nicht würdig. Zur Erinnerung: Wir sprechen über eine ehemalige Nummer 1 der Weltrangliste, eine dreifache Grand-Slam-Siegerin. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde sie zur Königin von Wimbledon gekrönt. Andere Länder wären dankbar, hätten sie Sportler mit nur annähernd dem Erfolg der 31-Jährigen. Würde zum Beispiel eine Französin nur einmal die French Open gewinnen, wäre die Siegerin für immer eine nationale Heldin. Ihre Statue auf der Turnier-Anlage in Paris gesetzt.
Sportler sind keine Heiligen. Auch ein Superstar wie Tiger Woods musste (zurecht) viel einstecken. Vor allem wegen privater Skandale. Heute schlägt Woods wieder ab, ist aber nur noch gelegentlich in der Verfassung vergangener Tage. Trotzdem wird er von den Golf-Fans in den USA weiter verehrt. Diesen Respekt hat er sich in seiner einzigartigen Karriere verdient.
Daher unser Versprechen: Wenn Angelique Kerber schlecht spielt, werden wir das hier auch weiter als „schlecht“ bezeichnen. Trotzdem werden wir sie nicht aus purer Demontage-Lust verstoßen. Denn sonst wir es bald ganz schön einsam im deutschen Sport-Olymp.
Daniel.Mueksch@ovb.net