München – Es wäre übertrieben zu behaupten, Joshua Kimmich sehne die Länderspiele Anfang September herbei. Sicher, er freut sich, aber das liegt wohl nicht so sehr an der deutschen Nationalmannschaft oder gar daran, dass er sich beim FC Bayern unwohl fühlen würde. Es hängt in erster Linie an der Position. Gegen die Niederlande und Nordirland in der EM-Qualifikation darf Kimmich auf jeden Fall auf seiner Lieblingsposition spielen, im defensiven Mittelfeld. In der Bundesliga-Partie am Samstag gegen den FSV Mainz 05 ist das nicht gewiss, genau genommen sogar unwahrscheinlich – sofern Thiago wieder fit ist.
Im Duell mit Schalke 04 am vergangenen Wochenende hatte Kimmich ein sehr ordentliches Spiel in der Zentrale abgeliefert. Er überzeugte vor allem bei ruhenden Bällen in der Veltins Arena. Aber den Taktik-Kniff sollte man nicht überbewerten, schon gar nicht Kimmich selbst -– denn seine Versetzung von der rechten Abwehrseite in die Mitte war allein der Verletzung Thiagos geschuldet, „aus der Not geboren“, wie Trainer Niko Kovac anschließend erklärte. So ähnlich wie im vergangenen November, als sich Kimmich ebenfalls als Zentrumsspieler empfohlen hatte in Abwesenheit von Thiago.
Der Bayern-Trainer präferiert eben den spielstarken Spanier auf der defensiven Mittelfeld-Position, ungeachtet der Lücken, die entstehen, wenn sich Thiago mal wieder zu weit nach vorne bewegt wie beim Bundesliga-Auftakt gegen Hertha BSC Berlin.
Womöglich würde Kimmich für mehr Stabilität in der Mitte sorgen, aber dagegen spricht, dass die Optionen im Mittelfeld größer sind als in der Außenverteidigung – trotz der variablen Zugänge für die Abwehr, Benjamin Pavard und Lucas Hernandez.
Kovac weiß, dass es kein Risiko ist, den deutschen Nationalspieler in die Zentrale zu beordern. „Er kann es, er kann so vieles“, gibt der Coach zu.
Einige behaupten, dass es Kimmich aber eben noch besser im Mittelfeld als auf der rechten Außenverteidiger-Position kann. Für Alexander Zorniger, der ihn als Trainer von RB Leipzig einst von Stuttgart zu den Sachsen geholt hatte, gibt es keinen Zweifel. Kimmich sei „ein Sechser, ganz klar“, denn er müsse am Spiel beteiligt sein, „den Ball haben. Sonst ist er wie im Käfig gefangen“, sagte der Coach bei „11Freunde“. Kimmich könne schon gegen den Ball spielen, „aber aus einer Teamtaktik heraus, ihn schnell herzugeben – das passt nicht zu ihm“. Ähnlich sah es Lothar Matthäus bereits vor drei Jahren, als er die Stärken Kimmichs analysierte: „Er fordert die Bälle, verteilt sie und treibt das Spiel an“ -– das klappt eben in der Mitte viel besser als auf links.
Auch ein ehemaliger Teamkollege von Kimmich lobt die Fähigkeiten des 24-Jährigen. „Josh ist ein sehr intelligenter Junge. Er hat große fußballerische Qualitäten“, sagte Arjen Robben am Sonntagabend bei „Sky90“. Der Niederländer zog einen Vergleich mit einem ehemaligen Kapitän des FC Bayern: „Man hat das auch immer wieder bei Philipp Lahm gesehen. Ich habe es geliebt, mit Philipp zusammenzuspielen. Philipp konnte man auch im Mittelfeld hinstellen, auch wenn er da ein, zwei Jahre nicht gespielt hat.“ Lahm war aber schon fast 30, als ihn ein Profitrainer (Pep Guardiola) in die Zentrale versetzte. Kimmich dürfte bereits mit Anfang 20 zeigen, dass er ein Spiel lenken kann. Bisher allerdings nur als Notnagel.