Ottensheim – Jason Osborne ist aktueller Weltmeister im Leichtgewichts-Einer und er hat gute Chancen, am Samstag wieder Gold bei den Ruder-Titelkämpfen zu gewinnen, dieses Mal zusammen mit Jonathan Rommelmann im Leichtgewichts-Zweier – trotz der ersten Saisonniederlage des Duos. Im entscheidenden Lauf sei „der Extragang noch drin“, sagte Osborne nach Platz 2 im WM-Halbfinale von Ottensheim.
Dass der Mainzer die Möglichkeit einer Tempoverschärfung nicht mit der Schlagzahl in Verbindung bringt, sondern mit dem Einlegen eines höheren Ganges, ist keine Überraschung. Denn Osborne ist zwar in erster Linie Ruderer, aber in zweiter Linie betreibt er eben auch Radsport. Zunächst war es als Ausgleich für das Training im Boot gedacht, aber er fand Gefallen daran: „Ich fuhr immer mehr, im vergangenen Jahr waren es 20 000 Kilometer.“ Und er startete bereits zweimal bei den deutschen Meisterschaften im Zeitfahren. 2018 wurde er Achter, in diesem Jahr Sechster.
Rudern und Rad – wie passt das zusammen? Gut, findet Osborne, allerdings nur, wenn man in einer Leichtgewichts-Bootsklasse startet und keine hünenhafte Figur hat wie Deutschlands Einer-Hoffnung, Oliver Zeidler. In beiden Sportarten würden ähnliche Muskelgruppen beansprucht. Und sowohl beim Rudern als auch auf dem Rad müsse man „Härte und Schmerzbereitschaft“ mitbringen, findet Osborne.
Quereinsteiger im Radsport gibt es mehrere. Der Slowene Primoz Roglic, zweifacher Etappensieger bei der Tour de France, war früher Skispringer. Remco Evenepoel, den sie in Belgien den neuen Eddy Merckx nennen, galt als Fußballtalent, ehe er mit 17 in den Sattel wechselte. Und Michael Woods, WM-Dritter auf der Straße 2018, begann als Mittelstreckenläufer. Sein erstes Rennrad bekam der Kanadier mit 24.
Osborne ist 25 und damit also noch nicht zu alt, um ganz umzusatteln. Die Sommerspiele 2020 in Tokio sind wohl seine letzten als Ruderer – nicht nur, weil die Leichtgewichts-Bootsklassen höchstwahrscheinlich aus dem Olympiaprogramm genommen werden. „Mein Ziel ist ganz klar“, so Osborne, „in den Radsport zu wechseln“ – und einmal an der Tour de France teilzunehmen. „Das Potenzial“, sagt er, „ist da.“ ELISABETH SCHLAMMERL