Ab sofort der Gejagte

von Redaktion

Weltmeister Zeidler ahnt: Der Weg zu Ruder-Gold bei Olympia wird steinig

VON ELISABETH SCHLAMMERL

München – Oliver Zeidler hat sich viel Zeit gelassen am Ort seines bisher größten Triumphes. Die Goldmedaille baumelte da schon gut zwei Stunden um seinen Hals, als er die Ruder-Regatta-Strecke in Ottensheim am Sonntag verließ und sich auf den Weg machte zum nächsten Kraftakt. „Gebührend“ sei sein Titel im Einer bei der WM und der Abschluss der Saison gefeiert worden, gestand er. Als Zeidler dann gestern nach sehr kurzen Nacht in den Spiegel schaute, sah er deshalb nicht den stärksten Ruderer der Welt wie noch ein paar Tage zuvor, als er sich mit diesem Spruch selbst unter Druck gesetzt hatte, sondern einen ziemlich müden Weltmeister. „Ich sah etwas fertig aus“, gab er zu. Wegen der Feier, dem fehlenden Schlaf, aber auch dem kräftezehrenden Rennen, nach dem ihm „einfach alles wehgetan“ hat. Er sei überrascht gewesen, „dass ich nicht ohnmächtig geworden bin“, hatte der 23-Jährige aus Schwaig – noch ganz außer Atem – kurz nach seinem Sieg gesagt. Und auch am Tag danach hatte sich der Körper noch nicht erholt. „Man hat Bauchschmerzen. Ich muss auch sehr viel husten.“

Jetzt ist die Saison aber vorüber, sein Körper kann sich erholen. Zeidler nimmt als erstes eine Ruder-Auszeit – und kümmert sich endlich um jene Gratulanten, die nicht live in Ottensheim dabei waren. „Allein über 500 Whatsapp-Meldungen“ seien auf seinem Handy aufgelaufen, erzählte er. Aber allzu lange dauert die Pause nicht, denn nach der WM ist vor den Olympischen Spielen. In Tokio im kommenden Jahr möchte er den nächsten großen Titel gewinnen – das, weiß er, wird ihm die Konkurrenz nicht leicht machen. „In der Rolle des Gejagten zu sein, ist auch absolut neu für mich“, gibt er zu.

Und damit es auch bei den Sommerspielen mit Gold klappt, ist noch einiges zu tun. Im Boot, weil er sich in seinem dritten Jahr als Ruderer technisch zwar sehr weiterentwickelt hat, aber es am Schlag noch immer etwas zu feilen gibt. An der Weite, findet Bundestrainer Ralf Holtmeyer, und an der Tauchtiefe des Ruderblattes, was für Zeidler erst einmal im Vordergrund steht. Schließlich soll die Sponsorensuche intensiviert werden. Für eine Olympia-Medaille müsse man „noch mehr Professionalität“ einbringen, sagt der Weltmeister: „Und das muss finanziert werden.“ Kurz vor der WM schloss Zeidler seinen ersten Sponsorenvertrag ab – mit seinem Arbeitgeber Deloitte, der ihn auch schon vor der WM freistellte. Bis Olympia wird der Absolvent eines dualen Studiums in Teilzeit arbeiten und „eine akademische Pause“ einlegen, um mehr Zeit fürs Training zu haben, aber auch um „noch was anderes“ zu machen. „Die Freiheit brauche ich. Nur trainieren, da wirst du ja wahnsinnig.“

Für den Deutschen Ruderverband ist Zeidler ein Glücksfall. Weil seine ungewöhnliche und steile Karriere als Umsteiger der Randsportart viel Aufmerksamkeit bescherte – ebenso wie seine selbstbewusste Art. Er und der Achter haben mit ihren Siegen „das Licht im dunklen Keller angemacht. Jetzt brennt es wieder“, sagte Bundestrainer Holtmeyer. In Ottensheim hatten zuvor acht von 14 Booten die direkte Olympia-Qualifikation verpasst. Die zwei prestigeträchtigsten sind nicht nur in Tokio dabei, sondern starten dort auch als Gold-Favoriten.

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