Das sicherste Indiz für den Weggang eines Spielers ist, wenn er am Wochenende nicht mehr für den Kader seines (Noch-)Clubs berücksichtigt wird. Beim FC Bayern gibt es dazu noch eine Steigerung: Der Spieler ist bei der Einkleidung fürs Oktoberfest nicht dabei. So geschehen bei Jerome Boateng am Sonntag. Der Gedanke: Für Juventus Turin würde er weder Krachlederne noch Trachtenjanker und Haferlschuhe benötigen. Am Montag die Wende: Juve doch nicht so brennend interessiert, Transfer geplatzt. Probleme über Probleme für Boateng: Wie kommt er nun – in seinem Zweitleben – als Verleger des Personality-Magazins „Boa“ an Cristiano Ronaldo für ein Interview ran? Wird ihm die Lederhose nachgereicht, oder muss er das Modell vom vorigen Jahr auftragen, wenn die Bayern in ein paar Wochen in der Käfer-Schänke aufschlagen? Und kann das überhaupt noch etwas werden mit ihm und den Bayern?
Es ist schon ein wenig traurig, mitanzusehen, was aus dieser Beziehung geworden ist. 2016 hatte Boateng sein Karrierehoch, er war die Säule des Nationalteams bei der EM, und die anständigen Leute im Land solidarisierten sich mit ihm wegen des Gauland-Nachbarschafts-Angriffs. Boateng und Mats Hummels, der vor drei Jahren nach München wechselte, galten als das Innenverteidigungs-Nonplusultra weltweit.
Seit über einem Jahr ist Jerome Boateng in Ungnade gefallen. Er hat seinen Teil dazu beigetragen, indem er den Eindruck erweckte, Fußball laufe neben den Lifestyle-Themen nur so her, und er ist nicht mehr der Klassespieler, der er war. Den Bayern kann man vorwerfen, dass sie ihn nicht erreicht und früh aufgegeben haben. Mit dem „freundschaftlichen Rat“ von Uli Hoeneß, sich vom Acker zu machen, war das Urteil gesprochen. Der FC Bayern wiederum wird es als Provokation empfunden haben, dass Boateng ankündigte, seine Chance in München zu suchen. Dass er nach ansprechender Vorbereitung auf der Bank landete, war dann der Konter des Vereins auf seinen Konter.
In ihrem Konterspiel haben beide Seiten sich verrechnet. Der FC Bayern, indem er glaubte, er könne noch weltmeisterliche Ablösegebühren aufrufen (daran scheiterte es vor einem Jahr, dass Paris St. Germain Boateng holte), Boatengs Fehleinschätzung ist, dass er sich für noch so gut hält, dass er den Markt bestimmen könnte. Will er einen Stammplatz haben, muss er eine Nummer kleiner denken als Bayern oder Juve.
Nun wird Jerome Boateng noch mindestens eine halbe Saison und ein ganzes Oktoberfest in München bleiben. Vielleicht sollte man darauf verzichten, ihn für den Wiesnsonntags-Kader zu nominieren.
Guenter.Klein@ovb.net