Vom Weltstar zum Ladenhüter

von Redaktion

Der Wechsel zu Juve ist geplatzt – Jerome Boateng muss in München bleiben

VON DANIEL MÜKSCH

München – Jerome Boateng muss sich seit drei Jahren wie im falschen Film fühlen: Egal was er auch anpackt, es geht schief. Manchmal aus eigenem Zutun. Manchmal, weil das Schicksal es schlicht nicht gut mit ihm meint.

Das vorläufige letzte Kapitel der Boateng–Saga: Nach einer Anfrage von Juventus Turin holt sich sein Berater und Ex-Bayern-Manager Christian Nerlinger am Wochenende das Okay für Verhandlungen mit den Italienern bei seinen früheren Kollegen ab. Das traditionelle Lederhosen-Shooting der Mannschaft am Sonntag sagt Boateng ab. Statt Tracht warten italienische Maßanzüge. Der Verteidiger sitzt in seiner Grünwalder Villa auf gepackten Koffern. Wartet nur noch auf den erlösenden Anruf aus Turin. Vergeblich. Dieser kommt nicht.

Der italienische Rekordmeister macht in letzter Sekunde einen Rückzieher. Juve zieht es vor, mit nur drei namhaften und einsatzfähigen Verteidigern (de Ligt, Barzagli, Bonucci) zu planen. Angeblich hat der Verein aus der Region Piemont noch ein Auge auf Stefan Savic von Atletico Madrid geworfen. Für Boateng ist der Traum von Dolce Vita ausgeträumt, bevor er begonnen hat.

Womöglich zuckten die Italiener zusammen, als ihnen die Gehaltsforderungen des 31-Jährigen (feiert heute Geburtstag) zu Ohren kamen. Seinen aktuellen Bayern-Vertrag unterschreibt der gebürtige West-Berliner Ende 2015. Nicht als Ergänzungsspieler oder Bankdrücker. Sondern als Weltmeister, globale Marke und Aushängeschild des gesamten deutschen Fußballs.

Ende 2015/Anfang 2016 steuert der Hype um seine Person ,seinem Höhepunkt entgegen. Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland beleidigt Boateng in einem Interview derart rassistisch, dass sich daran eine integrations-politischen Debatte entflammt. Bundeskanzlerin Angela Merkel empfängt den Fußballer im Kanzleramt. Bei der EM in Frankreich wird er in das All-Star-Team berufen. Abseits des Rasens wächst seine Marke in jenen Tagen ähnlich rasant. US-Rap-Superstar Jay-Z nimmt den Deutschen mit ghanaischen Wurzeln unter Vertrag. Der Ehemann von Sängerin Beyoncé managt Boateng über die deutschen Grenzen hinweg. Auftritte in Musikvideos, Werbespots und Instagram-Stories mit der ersten Riege der US-Unterhaltungsindustrie inklusive. In Deutschland bringt der Mode-Fan eine eigene Sonnenbrille — und Kopfhörer-Edition auf den Markt. Das Magazin „GQ“ wählt 2016 zum „Mann des Jahres“.

Zwei Jahre später hat Boateng sein eigenes Print-Magazin, das „Boa“ getauft wird und sich nur mit dem Lifestyle des Fußballers beschäftigt. Doch da ist der Stern des Tausendsassa bereits am Sinken.

Für seine Chefs beim deutschen Rekordmeister stehen schon länger Boatengs Auftritte auf roten Teppichen und seine Leistungen im Bayern-Trikot nicht mehr im angemessenem Verhältnis. Berühmt wird Karl-Heinz-Rummenigges Rat, er solle wieder etwas „back to earth“ kommen. Spätestens als Präsident Uli Hoeneß ihn bei der Meisterfeier im Mai als „Fremdkörper“ brandmarkt, und ihm mit Nachdruck einen Wechsel empfiehlt, ist das Tischtuch zerschnitten.

In der Vorbereitung bewegen sich beide Parteien zwar noch einmal aufeinander zu, jedoch nicht aus Überzeugung – sondern mangels Alternativen. Die Bayern haben ihren Weg inzwischen gefunden und sehen sich personell gut aufgestellt – auch ohne Boateng. Sonst hätte man Verhandlungen mit Turin nicht zugestimmt. Boateng will sich nun bei den Bayern durchsetzen, hört man. Was soll er auch anderes sagen? Etwa: „Mich wollte niemand haben, darf ich ja bei euch doch noch ein bisschen mitkicken?“

Vor gar nicht allzu langer Zeit musste der FC Bayern dankbar sein, dass ein globaler Star die Säbener Straße aufwertet. Heute muss Jerome Boateng dankbar sein, wenn der FC Bayern ihn noch mitspielen lässt.

Dafür zwängt er sich bestimmt auch wieder in seine Lederhosen.

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