Die „New York Times“, CNN, BBC, Medien aus aller Welt versammeln sich heute im Salzburger Gusswerk. Warum? Weil Marcel Hirscher (30) zurücktritt! Naa, geh? Doch, ohne Schmäh! Verkündet ist noch nichts, weil sich das kleine Team um den wohl besten Skifahrer aller Zeiten ein fieses Schweigegelübde auferlegt hat – naa Servus! – , aber die Austria-Medien ergießen sich seit Tagen über das offene Geheimnis und spekulieren bereits über einen Rücktritt vom Rücktritt.
Der Auftritt (Motto: „Rückblick, Einblick, Ausblick“), den ServusTV und der ORF2 zur Primetime um 20.15 Uhr übertragen, wird zum nationalen Katastrophenfall. Selbst die geplante Wahl-Konfrontationssendung der Spitzenkandidaten für die Nationalratswahl muss deswegen 50 Minuten warten. Geh bitte, ned euer Ernst? Doch! Die Skination ist schockiert! Ein Leben ohne den achtfachen Gesamtweltcupsieger, den Doppel-Olympiasieger, den siebenfachen Weltmeister, den Mann, der 67 Weltcups gewonnen hat, will sich in Österreich niemand vorstellen. Und doch wird es so kommen, sollte der getriebene König der Kugeln („Mit nine to five wirst nicht Weltcupsieger“) die schlimmsten Befürchtungen aller Slalomstangenfetischisten erfüllen. Denn ein zweites Leben in der Öffentlichkeit liegt dem Sohn eines Hüttenwirts, seiner Frau Laura und ihrem Sohn fern.
Peter Schröcksnadel, patenähnlicher Präsident des mächtigen Skiverbands – nur ein Beispiel: ÖSV-Hauptsponsor ist die „Krone“, Österreichs größte Zeitung – sonnt sich gern im Erfolg. Sollte „Schröcksi“ den Alpin-Helden Hirscher verlieren, dürfte seine stolzgeschwellte Brust zurückgehen, denn der Überflieger war und ist ein Familien- und kein Verbandsprodukt.
Bei all dem Schreck ist man in der „Schnitzel- und Spritzernation“, wie sie Felix Gottwald, dreifacher Olympiasieger der Nordischen Kombination, einst aufgrund fehlender sportlicher Aktivität der Österreicher selbstkritisch nannte, aber auch ein bisserl stolz auf die zu erwartende internationale Aufmerksamkeit ihres Heroen. Denn Hirscher – des taugt alle – ist im Schnee a wuida Hund, aber daneben ein skandalfreies Vorbild. Die Politik steht also zu Recht hintenan. Ist ja nicht so, dass die Nationalratswahl etwas mit dem Strache-Ibiza-Skandal zu tun hätte oder wichtig wäre für die Regierungsbildung. Österreich, bist deppert?
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