Hamburg/München – Wer am Dienstagvormittag als Beobachter zum ersten Training der deutschen Nationalmannschaft in Hamburg vorgelassen wurde, erlebte eine Überraschung. Der DFB spielte im Stadion am Millerntor die Rolle des dezenten Gastes.
Natürlich: Wo er auftritt, wo Bilder entstehen für die Nachrichten- und Sportsendungen, dort platziert der DFB auch die Werbepartner der Nationalmannschaft. Das ist normal. Doch das letzte Mal, als er in Hamburg gewesen war, hatte der Verband es übertrieben und in der Spielstätte des FC St. Pauli alles verhüllen lassen, was nicht zu den Marketing- und Frohbotschaften passte. Darunter die speziellen Banden auf den Tribünen des Kiez-Clubs, auf denen stand: „Kein Mensch ist illegal“ sowie „Kein Fußball den Faschisten“. In der nachfolgenden Diskussion berief sich der DFB auf seine politische Neutralität, bekam aber jede Menge Kritik ab, dass er es vermeide, gesellschaftlich Stellung zu beziehen. Die Leitung der Nationalmannschaft lernte daraus; diesmal, in der Vorbereitung auf das EM-Qualifikationsspiel gegen die Niederlande am Freitag (20.45 Uhr, RTL) blieben die Sankt-Pauli-Schriften unberührt.
Fehler anerkennen, analysieren und sie kein zweites Mal begehen – das ist nach der verkorksten Weltmeisterschaft 2018 zum Grundsatz des Handelns rund um die Nationalmannschaft geworden. Weniger Marketinggebrüll, mehr Demut im Auftreten, gepaart mit einem anderen sportlichen Ansatz als noch vor einem Jahr. Manuel Neuer, der Kapitän, ist gefragt worden, wie es sich denn anfühle, einer der letzten verbliebenen Weltmeister von 2014 zu sein. Der Torwart musste dann kurz überlegen, wer noch übrig ist von vor fünf Jahren, und es sind tatsächlich nicht mehr viele: neben ihm eigentlich nur Toni Kroos. Julian Draxler und Matthias Ginter waren als Reservisten dabei in Brasilien, und das ist auch ihr heutiger Status. Marco Reus hatte die WM 2014 ja mit einer schweren Verletzung im letzten Testmatch am Tag vor dem Abflug ja verpasst.
Nach dem Scheitern in der der Nations League 2018 (die Gruppe gewann ausgerechnet die nun nahenden Niederlande) begann Bundestrainer Joachim Löw mit der drastischen Verjüngung. Das ließ sich gut an, die drei bisherigen EM-2020-Qualifikationspartien gewann die DFB-Elf: 3:2 in den Niederlanden, 2:0 in Weißrussland, 8:0 gegen Estland; gefeiert wurden die jungen schnellen Spieler, allen voran Leroy Sané, der mit seinem Kreuzbandriss allerdings den Rest der Qualifikation verpassen wird.
Nun rücken eben noch jüngere Spieler nach vorne. Kai Havertz etwa. Der Leverkusener gilt, kaum dass das Transferfenster geschlossen hat, schon als das heißeste Objekt für den nächsten Wechselsommer, sein Marktwert könnte dann im dreistelligen Bereich liegen. „Viele Möglichkeiten hatte er bei der Nationalmannschaft noch nicht“, räumt DFB-Direktor Oliver Bierhoff ein, doch deutet an, dass sich das wohl ändern wird. Dass der 20-Jährige in Leverkusen „ein professionelles ruhiges Ambiente findet, in dem er weiter wachsen kann“, stimmt Bierhoff zuversichtlich. „Dort wird er versuchen, den höheren Ansprüchen gerecht zu werden.“
Eine ähnliche Weiterentwicklung erwartet er von Julian Brandt, der das Biotop Leverkusen verlassen hat: „Der Konkurrenzdruck in Dortmund ist ein anderer. Es wird wichtig sein, dass er den Kampf annimmt.“ Beim DFB gilt Brandt, den Bierhoff wie Havertz einen „spaßigen jungen Charakter“ nennt, als Edeljoker: „Wenn er eingewechselt wurde, hat er tolle Akzente gesetzt.“ Nun soll Brandt den Schritt zur Stammkraft bei Löw machen.
Der DFB geht in seine beiden wichtigsten Qualifikationsspiele. Auf die Aufgabe Niederlande, die am Freitag dann im Volksparkstadion des HSV zu bewältigen sein wird, folgt am Montag das Spiel in Belfast. Nordirland hat überrascht in der Gruppe und seine vier bisherigen Spiele gewonnen, dabei aber lediglich mit Weißrussland und Estland zu tun gehabt.
Deutschland steht in der aktuellen FIFA-Weltrangliste auf Platz 15. Bei aller Demut hält Oliver Bierhoff das aber nicht für die Realität. Es sei nicht so, dass man im vergangenen Jahr „immer über 90 Minuten grottenschlecht gespielt“ hätte. „Oft wurden infache Fehler begangen, Basisfehler, die nicht am Trainer liegen.“ Bierhoff sieht die Nationalmannschaft im Entwicklungsprozess, derzeit halt nicht in den Top Vier verankert „wie zwischen 2010 und 2018 – doch irgendwie gehören wir vorne schon dazu“.
Der DFB entwickelt sich – auf dem Platz und allmählich auch in seiner Außendarstellung.