New York – Schwer zu sagen, ob es wirklich ein Trost für Alexander Zverev nach dem letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres war, dass er Ansätze zur Besserung sah. Am Ende stand halt doch eine Niederlage in Runde vier, und die Tatsache, dass er bei diesem Turnier zum ersten Mal in der zweiten Woche ausschied. Er weiß noch nicht genau, wie er es anstellen soll, aber noch hat dieses komplizierte Jahr ja ein paar Chancen und Trainingstage im Angebot.
Mangelnden Einsatz musste er sich nicht vorwerfen. In den vier Sätzen gegen den einen Kopf kleineren Diego Schwartzman versuchte er selbst dann noch alles, als die Sache schon so gut wie entschieden war. Seine Chancen auf einen Sieg beim 6:4, 2:6, 4:6, 3:6 wären deutlich größer gewesen, wenn er nach dem gewonnenen ersten Satz einen frühen Breakball im zweiten genutzt hätte. Doch stattdessen ging der Argentinier in Führung, glich aus, und damit war klar, dass Zverev wieder mindestens vier Sätze spielen musste. Mit Schmerzen und einer Prellung im Kreuz nach einer Rolle auf dem harten blauen Boden zwei Tage zuvor.
Wieder hatte er zu viele Probleme mit dem zweiten Aufschlag, die zu 17 Doppelfehlern führten. Der Abschluss-Wert bei den vier Grand-Slam-Turnieren zusammen steht damit bei 131; geteilt durch insgesamt 14 Spiele in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York ergibt sich daraus eine Durchschnittsquote von fast zehn in jeder Partie. Keiner der Konkurrenten aus der Spitze kommt in die Nähe eines solchen Wertes.
Schaut man sich die Sache genau an, dann sieht seine Bilanz bei den Grand-Slam-Turnieren 2019 genauso wie die des vergangenen Jahres aus: insgesamt gewann er zehn Spiele. Tennis-Ikone Boris Becker, Kommentator bei Eurosport, befand: „Er hat sich in den letzten 18 Monaten als Spieler nicht verbessert.“
Wenn man will, kann man den Status Quo als Steigerung sehen angesichts all der Verwicklungen, in die er sich in diesem Jahr verstrickt hatte, von der gerichtlichen Auseinandersetzung mit seinem Ex-Manager Patricio Apey, den Schwierigkeiten, Ivan Lendl als Coach neben/mit seinem Vater Alexander senior zu etablieren und privaten Turbulenzen. Zverevs Fitness-Coach Jez Green, der seit fünf Jahren zum Team gehört, sagt, es sei ein schwieriges Jahr gewesen, vom Niveau her nicht toll, aber irgendwie okay. Zverev selbst sagt, es sei sicher nicht die beste Saison gewesen, aber auch nicht die schlechteste.
Ob Deutschlands bester Tennisspieler eine Chance bekommen wird, bei den ATP Finals im November in London den größten Titel seiner Karriere zu verteidigen? Die acht Besten jedes Jahres qualifizieren sich für dieses Turnier, im Moment steht er auf Platz neun, kann aber noch in New York überholt werden. Doch auch Zverev wird bei der Tour demnächst in Asien noch mal nachlegen können. Aber zunächst steht eine Station auf dem Programm, bei der es ihm so gut gehen könnte wie vermutlich lange nicht mehr, der Laver Cup in Genf. Die ersten beiden Ausgaben des Mannschaftswettbewerbes Europa gegen den Rest der Welt, zuerst in Prag, dann 2018 in Chicago, hatte er als große Bereicherung erlebt. Knapp eine Woche mit den besten Spielern der Welt und mit Legenden wie den Kapitänen Björn Borg und John McEnroe zu verbringen, gibt ihm jedes Mal ein extrem gutes Gefühl. Und in diesem Jahr mit der Wanderung über Stock und Stein wird er das gute Gefühl mehr denn je zu schätzen wissen.
Wobei – wer weiß, ob das Zusammensein völlig ungetrübt verlaufen wird. Zum Team Europa wird auch Stefanos Tsitsipas gehören, der nicht zu seinen engsten Freunden zählt. Auch in New York konnte es sich Alexander Zverev nicht verkneifen, den Griechen öffentlich zu kritisieren. Bereits in der ersten Woche der US Open hatte er gesagt, es gebe viele junge Spieler, die auf dem Platz Dinge täten, die sie besser nicht tun sollten und die der jungen Generation, zu der er sich auch zählt, ein schlechtes Image gäben.
Als er in der Pressekonferenz nach seinem letzten Spiel gefragt wurde, was er von den Aktionen des russischen Kollegen Daniil Medwedew halte, landete er zuerst bei Tsitsipas. „Ich denke, der überschreitet die Linie oft, wenn er 15 Mal während eines Turniers die Schuhe wechselt und eine Toilettenpause mitten im Satz nimmt – von solchen Sachen rede ich. Ich hoffe, einige aus der Generation NextGen lernen von den Älteren wie Roger oder Rafa.“
Aber vielleicht könnte er erst mal die eigenen Probleme lösen, bevor er den anderen mit dicker Tinte ins Heft schreibt, was sie tun sollten oder besser nicht. Sowas kommt, wenn es öffentlich passiert, selten gut an.