Hamburg – Die Fußball-Schlagzeilen bestimmten gestern Geschichten, die aus dem Polizeibericht stammen: Hausdurchsuchungen (Christoph Metzelder) und Anklageerhebungen (Jerome Boateng). Doch es wird morgen schon auch noch Fußball gespielt. Im Hamburg geht es zwischen Deutschland und den Niederlanden immerhin um die Qualifikation für die EM 2020. Und auch ums Prestige. „Das sind Klassiker, bei denen man auf dem Platz steht und denkt: Geil! Es gibt nichts Schöneres, als den Platz nach 90 Minuten als Sieger zu verlassen“, erklärte Marco Reus gestern. Ein Sieg gegen Oranje und ein weiterer Dreier am Montag in Nordirland würden das EM-Ticket so gut wie sicher lösen, bis dahin muss Bundestrainer Joachim Löw aber einige Fragen beantworten:
Wer darf im Tor ran?
Das Duell zwischen Manuel Neuer und Marc-André ter Stegen geht in die nächste Runde. Eigentlich hatte Löw geplant, den Bayern-Keeper in beiden Partien zwischen die Pfosten zu lassen – das geht dem Schlussmann vom FC Barcelona jedoch mächtig gegen den Strich. So sehr, dass er öffentliche Ansprüche stellt. „Ich erhoffe mir einen Einsatz und werde mich auf beide Spiele gut vorbereiten“, ließ der Ex-Gladbacher gegenüber „Bild“ wissen. Kein Wunder, dass ter Stegen mit den Hufen scharrt, schließlich wurde der 27-Jährige neben Alisson (Liverpool) und Ederson (City) für die Wahl des Welttorhüters nominiert. Löw hat sich aber entschieden: Bis zur EM ist Neuer die Nummer eins.
Dreier- oder Viererkette hinten?
Beim 3:2-Sieg gegen die Niederlande im März bot Löw eine Dreierkette auf, und das scheint bei seinen Abwehrspielern bestens anzukommen. „Ich bin ein Fan der Dreierkette. Im Aufbau ist man damit sehr variabel und in der Defensive hat man immer einen Mann mehr zum Verschieben. So kann man kompakter sein“, so Niklas Süle. Die Qual der Wahl hat der Bundestrainer auch auf der linken Abwehrseite. War Kölns Jonas Hector bis vor kurzem noch der einzige Spezialist im DFB-Team, kämpfen nun mit Marcel Halstenberg (Leipzig) und Nico Schulz (Dortmund) drei Außenverteidiger um Löws Gunst. „Ein gutes Zeichen für die Mannschaft“, so Hector.
Wer macht den Sané?
Der Kreuzbandriss des City-Angreifer öffnet einen Platz in der Sturmreihe. Serge Gnabry ist jedoch davon überzeugt, dass sich der Ausfall problemlos kompensieren lässt. „Wir sind hier bei der Nationalmannschaft gut aufgestellt“, so der Bayern-Wirbler. „Wenn einer nicht spielt, kommt ein anderer von uns rein und wir spielen genauso gut.“ Konkret kommen aktuell Gnabry, Debütant Luca Waldschmidt und Timo Werner infrage. Anders als der Leipziger und der Freiburger, die auch im Verein vorne spielen, muss sich Gnabry etwas umstellen: „Bei Bayern spiele ich auf dem Flügel, hier vorne im Zentrum“, so der Münchner. „Es sind zwei ganz verschiedene Systeme. Beide gelingen gut, bringen Erfolg und machen Spaß. Wenn man immer dieselben Abläufe hast, findet man sich aber ein.“
Wer geht voran?
Neue Spieler bringen neue Hierarchien mit sich. Weltmeister wie Thomas Müller, Mats Hummels oder Jerome Boateng sind nicht mehr dabei – nun ist Platz für neue Anführer. Neben Jung-Chefs wie Joshua Kimmich oder Niklas Süle haben natürlich auch alteingesessene Kicker wie Ilkay Gündogan, Toni Kroos oder Marco Reus auf dem Platz das Sagen. Gerade der Dortmunder scheint seine Rolle auch für Vereinszwecke zu nutzen. Wie der Kapitän der Borussia gegenüber „Sport1“ zugab, will er den vom FC Bayern umworbenen Kai Havertz zum BVB locken. Reus: „Ich werde alles versuchen, um ihn nach Dortmund zu lotsen. Ich werde mein Bestes geben. So, wie ich es bei Julian (Brandt, d.Red.) gemacht habe. Und ich habe mit Julian ja noch einen Verbündeten, der ihn noch sehr gut kennt. Von daher warten wir es mal ab.“ Havertz ist für viele Experten schon jetzt der beste deutsche Fußballer, fast alle europäischen Topklubs sind hinter ihm her, sein Marktwert wird auf mehr als 100 Millionen Euro taxiert. Doch in der Nationalmannschaft ist Kai Havertz noch immer nicht in vorderster Front vertreten. „Ich bin noch jung und freue mich, dabei zu sein und viel zu lernen“, sagt der 20-Jährige artig über seine Rolle im DFB-Team. Vielleicht springt er ja schneller als gedacht in die Sané-Lücke.