ZWISCHENTÖNE

Charisma statt Chinesisch

von Redaktion

Gerechterweise sollte man mal anerkennen, dass nicht alles schlecht ist, was vom DFB kommt. Viel Gutes hat man zwar zuletzt auch nicht gehört, wenn Ex-Präsidenten vor Gericht gezerrt werden, wirft das nicht das beste Licht auf den Verband. Das unverhohlene Werben des Interimspräsidenten für Sitz-Fußball an der Konsole muss sicher nicht jedem gefallen. Und dass man in Frankfurt unbedingt eine arg protzige Akademie bauen muss, leuchtet auch nicht jedem ein. Wenn man aber deren Leiter reden hört, hat man dann doch den Eindruck, dass hier wohl schon so manches in die richtige Richtung laufen könnte.

Tobias Haupt war nie Profi, als Torwart hat er es bis zur Bayernliga geschafft. Dafür war er mit 29 Doktor der Wirtschaftswissenschaften und jüngster Sportmanagement-Professor Deutschlands. In Ismaning hat er das Internationale Fußball-Institut mit aufgebaut, er kennt den Fußball in Praxis und Theorie. Trotzdem kam es durchaus überraschend, als der DFB, der hochkarätige Posten gerne mit Ex-Nationalspielern besetzt, dem gebürtigen Landshuter die Leitung des Prestige-Objekts übertrug.

Haupt ist jung, ohne Stallgeruch, innovativ und meinungsstark. Und was er neulich, als er bei seinem früheren Arbeitgeber in Ismaning Talkgast war, über die künftige Strategie des deutschen Fußballs gesagt hat, klingt besser als so vieles, was zuletzt aus Frankfurt zu hören war. Haupt macht sich ja nicht nur Gedanken darüber, wie die Nationalelf schnellstmöglich die (noch immer nahe) Weltspitze zurückerobert, er denkt explizit auch an die Basis, die Nachwuchsrekrutierung und -förderung, die Qualität der Trainer gerade im Nachwuchsbereich, und er benennt deutlich die Fehlentwicklungen, die zu beheben allerdings nicht unbedingt in seiner Macht liegt.

Da nämlich sind die Vereine gefragt, und die scheren sich leider wenig um das, was Pädagogen für den richtigen Umgang mit jungen Menschen halten. Viel zu früh, so Haupt, würden Kinder aus ihrem Umfeld gerissen und in Nachwuchsleistungszentren verfrachtet, viel zu viele von ihnen würden viel zu schnell wieder aussortiert und durch die nächsten vermeintlichen Supertalente ersetzt. So kommt kaum einer, der mit zehn oder zwölf von einem Großverein geködert wurde, später oben an. Viel zu wenig wird individuell auf die Jugendlichen und deren Persönlichkeitsentwicklung eingegangen, schon 14-Jährige würden wie ein Produkt behandelt und wie eine Ware verscherbelt oder, wie in Frankreich geschehen, für eine Million verkauft. Was passiert wohl im Kopf eines Teenagers, der schon viel Geld auf dem Konto hat?

Was wir mit unseren Kindern machen, ist allerdings nicht nur das Problem des Fußballs, es ist ein gesellschaftliches Problem. Mit zehn sollen sie möglichst schon fließend Englisch sprechen, mit zwölf am besten Chinesisch lernen, mit 14 einen riesigen Wissensschatz angehäuft und mit 16 ihr Abi in der Tasche haben. Das soll die Zukunft sein? Ein Irrglauben, sagt Haupt. Weil für die fachliche Intelligenz die soziale Intelligenz vernachlässigt werde, die aber, auch im Fußball, eminent wichtig sei. In der Trainerausbildung werde der DFB künftig großen Wert darauf legen, dass sich bis hinunter in die kleinen Vereine diese Erkenntnis durchsetzt. Und über den Fußball Persönlichkeiten entwickelt werden, die Charakter haben, Charisma, die sich durchsetzen können, auch wenn es nichts wird mit der großen Karriere.

Dass der Fußball das kann, hat er immer wieder bewiesen. Leider auch, wie viele junge Leute er frustriert, manche sogar kaputt macht. Weil bei dem irrsinnig vielen Geld, das zu verdienen ist, der Mensch als Individuum auf der Strecke bleibt. Haupt hat den festen Willen, das zu ändern. Die Frage ist halt, ob man ihn lässt.

Von Reinhard Hübner

Tobias Haupt, junger Wissenschaftler aus Landshut, könnte für die DFB-Akademie zum Glücksfall werden

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