Absturz mit der Zeitmaschine

von Redaktion

Löws missglückter „Zurück in die Zukunft“-Versuch – Ohne Gündogan

VON JAN CHRISTIAN MÜLLER

Hamburg/Belfast – Über acht Jahre hinweg hat der Fußballlehrer Joachim Löw seine Nationalmannschaft von einer jungen Truppe, die ihre Gegner bei der WM 2010 aus der Abwehr lockte und dann gnadenlos auskonterte, zu einem spielbestimmenden Ballbesitzteam entwickelt, das 2018 am eigenen Passspiel ermüdete. Im Herbst 2019 wollte der Bundestrainer in eine Zeitmaschine steigen, die ihn mit der Nachfolgegeneration der 2010er genau in dem Jahr wieder ausspucken sollte. Die Niederlande sollten in Hamburg die deutsche Version von „Zurück in die Zukunft“ als Horrorfilm erleben. Aber Löws Konzept ging nicht auf. Statt den Gegner zu erschrecken, verschreckten die Deutschen sich selbst.

Die Niederländer siegten am Ende nicht nur 4:2 (0:1), sie lieferten einem nahezu komplett unterlegenen Gegner eine schmerzliche Vorführung, und das Blatt „De Volkskrant“ interpretierte ebenso erstaunt wie präzise: „Es war bisweilen bizarr zu sehen, wie das Stadion still wurde, weil Deutschland einfach stehen blieb und zuschaute, wie die Niederlande den Ball spielte.“ Löws Idee, auf ein Offensivpressing nahezu vollständig zu verzichten und den Gegner erst in der eigenen Hälfte zu empfangen, um ihn dann mit aggressiven Ballgewinnen und konsequentem Umschaltspiel den Garaus zu machen, mündete in Lähmung der eigenen Stärken.

Zwei deutsche Spieler, beide bekannt für schonungslose Aufarbeitungen, analysierten das stellvertretend für alle. Joshua Kimmich sagte: „Wenn du so viel hinterherläufst, nie richtig Ballgewinne hast und so nie richtig in Ballbesitz kommst, dann ist es schwierig, mit den vielen Kilometern in den Beinen bis zum Ende präsent zu sein.“ Niklas Süle bestätigte: „Wir haben kaum Zugriff gehabt. Wir hatten keine Entlastung, jeder zweite Ball wurde von uns lang gehauen. Das kann nicht unser Anspruch sein.“

Irgendwie waren sie alle miteinander in Löws Zeitmaschine stecken geblieben.

Am Ende schlugen die Niederländer Löw-Land mit den eigenen Waffen: Sie konterten die DFB-Elf aus. Bondscoach Ronald Koeman räumte ein, er sei über die Bereitschaft der Gastgeber, seiner Mannschaft den Ball konsequent zu überlassen, „überrascht gewesen“. Löws Idee, die Mittelfeldspieler Kai Havertz und Ilkay Gündogan für die Stürmer Marco Reus und Timo Werner zu bringen, um, so der Bundestrainer, „mehr Ballsicherheit ins Spiel zu bekommen“, führte zu nichts, weil das deutsche Spiel bereits in seiner Struktur zerstört worden war.

„In der ersten Halbzeit haben wir die wichtigen Räume noch gut verteidigt“, erinnerte sich Kroos richtig. Aber dann waren sie alle miteinander müde gelaufen worden. Die technisch und taktisch überlegenen Oranjes hatten sich den Gegner zurechtgelegt und schlugen erbarmungslos zu. Die Versetzung zur EM-Endrunde ist vor dem Spiel heute (20.45 Uhr/RTL) in Belfast gegen den ungeschlagenen Tabellenführer Nordirland plötzlich gefährdet.

Löw sollte einen spiel- und kampferprobten Mittelfeldmann mehr und einen Innenverteidiger weniger aufbieten. Die Nordiren werden versuchen, den ohne den verletzten Nico Schulz (Bänderanriss am Fuß) und den grippekranken Ilkay Gündogan angereisten Deutschen mit ähnlichen Mitteln zu begegnen, wie diese es am Freitagabend versucht hatten. Es gibt keinen Grund, den Briten mit drei Stoppern (Ginter, Süle, Tah) zu begegnen.

„Das war ein ganz schwaches Spiel von uns“, sagte Niklas Süle zum Abschied aus Hamburg noch, dann drehte er sich lieber noch einmal um, denn die eigenen Worte hallten ihm zu negativ nach: „Wir sind eine junge Truppe. Es war nicht alles schlecht. So ein Rückschlag wirft uns nicht aus der Bahn.“ Aber er zeigt, wie weit der Weg zurück in die Zukunft noch ist.

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