New York – Ganz Kanada schien aus dem Häuschen zu sein, und wie viele berühmte Sportler gratulierte auch der oberste Chef, Premierminister Justin Trudeau. Der Tag, an dem die 19 Jahre alte Bianca Andreescu aus Toronto in New York im Finale der US Open gegen Serena Williams gewann, war ein Tag zum Staunen, verbunden mit einer doppelten Portion Stolz unterm Ahornblatt, wie unfassbar cool sie dieses Ding klar gemacht hatte.
In ihrem ersten ganz großen Finale spielte sie ja nicht gegen irgendwen. Auf der anderen Seite stand die imposante, die mächtige, die unersättliche Serena Williams, frenetisch angefeuert von geschätzt 23.500 der 23.771 Zuschauer. Nach der Krise des vergangenen Jahres und den unseligen Ereignissen im Finale gegen Naomi Osaka dachten die Leute offenbar, diesmal müsse es doch klappen gegen diese junge alte Kanadierin, von der die meisten bis ein paar Tage zuvor noch nichts gehört hatten.
Es sei wirklich nicht leicht gewesen, den Lärm der Leute zu ignorieren, meinte Andreescu hinterher, sie habe kaum ihre eigenen Gedanken hören können. Als Williams im zweiten Satz nach einem abgewehrten Matchball beim Stand von 1:5 Spiel für Spiel aufholte und schließlich ausglich, war es lauter als früher, als die startenden Düsenjets vom nahen Flughafen La Guardia noch im Minutentakt übers Stadion donnerten. Es war genau diese Phase, in der Bianca Andreescu die größte Stärke zeigte. Sicher, sie hatte furchtlos und zwingend gegen die von Anfang an fehlerhaft spielende Favoritin begonnen, sie hatte nach dem souveränen Gewinn des ersten Satzes im zweiten mit Muskeln, Mumm und Scheuklappen weitergespielt, und das alles war schon eindrucksvoll genug.
Ein Jahr zuvor hatte sie in New York in der ersten Runde der Qualifikation verloren, jetzt spielte sie mitten im Tollhaus mit einer Autorität und Intensität, für die sonst eine andere bekannt ist – Serena Williams. Doch alles hätte kippen können, wenn sie nicht ihr eigenes Aufschlagspiel beim Stand von 5:5 gehalten hätte; sie zitterte ein wenig, aber dann hatte sie sich wieder im Griff. Ihre mentale Stärke in diesen Minuten wirkte wie der nächste Schock für Williams, die sich vom Anfang kaum erholt hatte. Und sie wirkte wie eine eiskalte Dusche für das Publikum.
„Mental stark zu sein, das trennt die Besten vom Rest“, erklärte Andreescu später ohne einen Hauch falscher Bescheidenheit. Sie weiß, was sie will und was sie kann, und sie sorgte dafür, dass die Botschaft in diesen entscheidenden Momenten bei allen ankam – vor allem bei der sichtlich nervösen und mit sich hadernden Gegnerin. Nach genau einhundert Minuten endete das denkwürdige Spiel mit einem perfekt platzierten Return der Herausforderin (6:3, 7:5), und so blieb Serena Williams nicht anderes übrig als das zu tun, was sie schon in den Endspielen in Wimbledon im vergangenen und in diesem Jahr und vor zwölf Monaten in New York getan hatte: der Gegnerin zum Sieg zu gratulieren. Es war später nicht schwer zu erkennen, wie es ihr nach der vierten Niederlage ging; sie hielt sich aufrecht, aber es kostete sie eine Menge Kraft. „Ich hätte mehr tun müssen“, meinte sie hinterher, „ich hätte mehr Serena sein müssen. Aber es war mein schlechtestes Spiel während des ganzen Turniers.“
Vor allem fehlte ihr die Souveränität bei jenem Schlag, mit dem sie in all den Jahren die Gegnerinnen an die Wand gedrängt hatte – dem Aufschlag. Mit acht Doppelfehlern brachte sie Andreescu immer wieder ins Spiel, aber es war mehr als das. In jedem wackligen Aufschlag war die Botschaft versteckt: Hier stehe ich, und ich will anders, aber ich kann es nicht. Sie wird weiter versuchen, noch einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen, und darauf kommt es ihr definitiv mehr an als darauf, dass es der rekordträchtige 24. ist. Als sie nach möglichen Ähnlichkeiten mit der Siegerin gefragt wurde, nannte deren Intensität. Aber es gibt mehr Gemeinsamkeiten. Wie Serena Williams in jungen Jahren hat auch Bianca Andreescu keine Angst vor großen Träumen.
Im ersten Interview nach ihrem epochalen Sieg gegen Williams erzählte die Kanadierin beim Fernsehsender „ESPN“, sie habe sich selbst schon mit 15 Siegerschecks für die US Open ausgestellt. Vermutlich mit einer anderen Summe als den 3,85 Millionen Dollar, die sie am Ende für den Sieg in Empfang nehmen durfte. Und nicht nur das.
Seit sie mit 15 in Miami das berühmtesten aller Juniorenturniere gewann, die so genannte Orange Bowl, stellte sie sich fast an jedem Tag ein solches Finale gegen Serena Williams vor; sie nennt es nicht vorstellen, sondern visualisieren, eines ihrer Lieblingswörter.
Und jetzt? „Es ist einfach verrückt, dass die Sache jetzt wahr geworden ist.“ Auch sie sieht Ähnlichkeiten mit Serena Williams, die ihr immer ein Vorbild war, vor allem im kämpferischen Bereich. Aber sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie jetzt keine Vorbilder mehr braucht.
„Vielleicht“, sagt Bianca Andreescu, „kann ich ja irgendwann sogar besser sein als sie.“ Wenn das keine Ansage ist, was dann?