Erkenntnisse aus dem 2:4

Europäische Mittelklasse

von Redaktion

GÜNTER KLEIN

Ein Gedanke, der sich aufdrängte angesichts einer zweiten Halbzeit, die 0:4 ausging: Hatten wir das nicht schon mal? Vor sieben Jahren in Berlin gegen Schweden? War dieses Spiel nun gegen die Niederlande nicht wie das von 2012 – nur ohne 4:0-Führung als Ausgangspunkt.

Es mag sich so anfühlen und ist doch anders gewesen. Der Fall damals: Ein harmloser Gegner, längst besiegt, gerät in den Flow und wächst, die deutsche Nationalmannschaft verliert den Halt und schrumpft, und auf einmal ist der Große kleiner als der Kleine. Das Geschehen spielte sich auf der psychologischen Ebene ab. Ein Spiel wie dieses 4:4 zwischen Deutschland und Schweden gibt es vielleicht alle zwanzig, dreißig Jahre mal.

Das 2:4 bei Deutschland – Niederlande am Freitagabend in Hamburg war eigentlich doch ein ziemlich gewöhnliches Spiel. Mit einem Sieger, der die bessere Mannschaft, und die besseren Spieler hat.

Es mag altbacken klingen, sich in einer Diskussion über Fußball, der zur Taktikwissenschaft geworden ist, in Beurteilungen von Einzelleistungen zu verlieren. Doch auf diesem Weg kommt man der Wahrheit näher. Rafael van der Vaart hat es als Gast im Sportstudio des ZDF auf den Punkt gebracht. Ginter, Tah, Schulz, Klostermann – was Joachim Löw in der hinteren Reihe aufgeboten hat, ist nicht gut genug. Jedenfalls nicht besser als das, was der Bundestrainer zuvor an der Hand hatte: Mats Hummels, in der Bundesliga unumstritten, und auch – mit Abstrichen – Jerome Boateng. Der mag aus der Spur gekommen sein – doch wer von den aktuellen DFB-Innenverteidigern kann ein Spiel so aufbauen wie er?

Löw wird Hummels nicht wieder aufnehmen und Boateng schon zweimal nicht. Doch dann muss der Bundestrainer auch erkennen, dass sein Personal nicht mehr zulassen wird als eine Mittelklasserolle in Europa. Matthias Ginter ist seit fünf Jahren Nationalspieler, und bei der WM 2018 hatte er eine solche geringe Wertigkeit im Kader, dass ihn Löw keine Minute spielen ließ. Jonathan Tah gehörte zum EM-Kader 2016, im Nachwuchs, so wirkt es im Rückblick, hatte er eine herausragende Stellung, weil er früh athletisch sehr weit war. Der diesmal fehlende Antonio Rüdiger ist ein ähnlicher Fall. Ein Faktor der Unsicherheit in den nun ja auch schon fünf Jahren, in denen er mitwirkt. Ob da noch Entwicklungsschritte folgen? Die Außenverteidigerpositionen legen den Ausbildungsmangel im deutschen Fußball offen. Die Schulzens, Hectors, Halstenbergs, Klostermänner – Lösungen aus Verlegenheit.

Mit solchen Spielern kann man nicht Europameister werden. Man kann sich für eine EM qualifizieren. Mehr wird nicht zu erwarten sein.

Guenter.Klein@ovb.net

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