Vettel macht gute Miene zum bösen Spiel

von Redaktion

Die Tifosi bejubeln Leclerc – doch intern zürnt der Heppenheimer seinem gefeierten Kollegen

VON MATHIAS MÜLLER UND RALF BACH

München – Der erste Heimsieg seit neun Jahren, Tausende verrückte Tifosi im Land und ein neuer Stern am roten Formel-1-Himmel. Die Ferrari-Welt könnte so schön sein. Ist sie aber nicht, zumindest intern, denn die Feier nach Charles Leclercs (21) Triumph am Sonntag in Monza war auch eine Party, in der Sebastian Vettel (32) seine Zerknirschung nur mühsam verbergen konnte. Der Heppenheimer, der nach einem Fahrfehler das Rennen nur als 13. beendete, machte dabei gute Miene zum bösen Spiel, gratulierte seinem Kollegen per Handschlag und resümierte mit einem gequälten Lächeln: „Ich bin nicht glücklich darüber, wie der Tag gelaufen ist. Für das Team war er natürlich gut.“

Hinter den Kulissen allerdings schimpfte der entthronte Ferrari-Anführer wie ein Rohrspatz über den Monza-Sieger, denn der hatte im Qualifying Absprachen missachtet. Abgemacht war, dass sich beide Piloten durch Windschatten-Fahren zu Topzeiten ziehen. Vettel erfüllte seine Aufgabe, Leclerc widersetzte sich in der dritten Qualifying-Runde der Teamorder und sicherte sich die Bestzeit. Dem Deutschen, eigentlich der Schnellere zu dem Zeitpunkt, blieb nur Rang vier und die schlechtere Ausgangsposition. Im Rennen selbst agierte Vettel freilich zu übermütig.

Die italienischen Medien hatten für Vettel nur Spott übrig und riefen die Ära Charles Leclerc aus. Der Ferrari-Rookie habe „in knapp sechs Monaten alles erobert: die Scuderia, die Liebe der Fans und wahrscheinlich die ganze Zukunft Ferraris. Sein Triumph gleicht einer Krönung“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“.

In den kommenden Wochen dürfte es der von Jean-Todt-Sohn Nicolas (41) betreute Monegasse allerdings schwerer haben, denn im Team herrscht Eiszeit. „Leclerc hat den A…-Joker gezogen, aber zum falschen Zeitpunkt“, analysierte Ex-Weltmeister Jacques Villeneuve (48). Unterstützung von Vettel scheint undenkbar, zumal auch Ferrari-Boss Mattia Binotto (49) die Strategie-Missachtung nach Informationen unserer Zeitung nicht besonders lustig fand. Ein Gespräch soll folgen.

Dass sich Leclerc öffentlich danebenbenimmt, davon ist nicht auszugehen. Er ist viel zu clever und smart, um seine neue Rolle allzu demonstrativ, genussvoll und vor allem vor Vettel zur Schau zu stellen. Man müsse als Team zusammenarbeiten, betonte der Monegasse.

Nach einem Jahr bei Ferrari-Partner Sauber (jetzt Alfa Romeo) war Leclerc vor dieser Saison bereits zum Stammfahrer der Scuderia ernannt worden. Vettel-Kumpel Kimi Räikkönen musste Ferrari verlassen, mit seinem Titel 2007 ist der Finne noch immer der letzte Weltmeister der Marke aus Maranello. Vettel verlor mit dem bald 40 Jahre alten Räikkönen seinen Wohlfühl-Teampartner.

All das ist ihm anzumerken. Seit dem Deutschland-Grand-Prix im Vorjahr hat er in sieben weiteren Rennen Punkte und Erfolge für das Team durch Patzer weggeworfen. Sein letzter Sieg liegt über ein Jahr zurück. Er hat noch einen Vertrag für kommende Saison, doch die Zweifel daran, dass er diesen erfüllt, werden lauter.

Artikel 6 von 11