Belfast – Joachim Löw sah hinterher abgekämpft aus. Möglich, dass die grelle Beleuchtung im kleinen Pressesaal des Windsor Park von Belfast ihr Übriges tat, dass der Bundestrainer nach dem 2:0-Arbeitssieg der deutschen Nationalmannschaft in Nordirland nicht mehr ganz faltenfrei wirkte. Der Druck war noch nicht ganz abgefallen vom 59-Jährigen.
In der Gruppe C dürften am Ende die Fußball-Großmächte Niederlande und Deutschland die Tickets zur Endrunde der EM 2020 lösen – Löws Ensemble hat den Anspruch mit einem aber nur bedingt überzeugenden Arbeitssieg untermauert. Doch ein „souveräner Sieg“, den Ballverteiler Toni Kroos gesehen haben wollte, geht eigentlich anders. Zur Absicherung brauchte es einen Nationaltorwart Manuel Neuer in Topform, der beinahe schon wieder an den Weltmeister-Neuer von 2014 erinnert, weil er mit Hand, Fuß und anderen Körperteilen zur Stelle ist, wenn die Vorderleute – Kroos inklusive – mit einer zu laxen Haltung fast hanebüchene Fehler einstreuten.
Löw sah „sehr intensive, sehr schwierige 90 Minuten“. In den Pausen des Übersetzers wanderte der Blick fast ein bisschen orientierungslos umher, immer wieder spielte er an seinen Fingernägeln. Bei seinen Ausführungen wirkte der Südbadener wie ein Belfast-Tourist, der im St. George’s Market nicht mehr den Ausgang findet. So überbordend dort das Angebot, so üppig die Schwankungsbreite seiner Mannschaft, die sich anfangs vor dem singenden und stampfenden Publikum den Schneid abkaufen ließ, weil die Verzahnung zwischen Mittelfeld und Angriff im 4-3-3-System nicht klappte. Erst eine veränderte Raumaufteilung führte nach der Pause zum erwarteten spielerischen Übergewicht. Unterm Strich, bilanzierte Löw, „zählen drei Punkte in der Qualifikation, das haben wir erreicht.“
Aber: Dass seine Auswahl noch nicht so weit ist wie im Frühjahr gedacht nach einem (glücklichen) 3:2-Erfolg in den Niederlanden, dafür mehren sich die Indizien. „Wir haben noch einige Monate Zeit und noch einige Länderspiele. Im nächsten Jahr wird sich zeigen, wo wir stehen“, konstatierte Löw.
Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff ist so klug, die Zielvorgabe für die EM 2020 auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu verorten: „Ich glaube nicht, dass wir zum engsten Favoritenkreis gehören. Du kannst zum Erfolg keine Abkürzung nehmen.“ Löw sprach von „verschiedenen Faktoren“, die das Abschneiden bei einem Turnier beeinflussen würden. Aha.
Der Fußballästhet vergleicht den Neuaufbau seit einiger Zeit gerne mit den Vorarbeiten der WM 2010. Damals drängte allerdings die außergewöhnlich talentierte Özil-Khedira-Hummels-Neuer-Generation nach. Der Nachweis, dass die Werner-Kehrer-Tah-Goretzka-Jahrgänge ähnliche Anlagen fürs internationale Topniveau mitbringen, steht noch aus. Selbst der willensstarke Joshua Kimmich muss trotz aller Ansprüche erst noch zeigen, dass er führen kann wie Philipp Lahm.
Es sah es in der Hauptstadt Nordirland lange recht asymmetrisch aus, die Gäste waren noch viel mehr als erwartet unter Druck geraten. Erstaunlich, dass Löw beharrlich das Fehlen von Spielern wie Antonio Rüdiger, Thilo Kehrer, Julian Draxler, Leon Goretzka und Leroy Sané vortrug, um die Unwucht zu rechtfertigen. „Man hat in manchen Phasen gesehen, dass die Mannschaft so noch nicht zusammengespielt hat.“ Manche Argumente klangen von Trainerseite an diesem Abend ein wenig vorgeschoben. Aber auch das kann ja beim Umbruch irgendwie dazugehören.