München – Sophia Flörsch (18) gilt als größtes weibliches Versprechen im Motorsport. In diesem Jahr fährt die Grünwalderin in der Formula Regional European Championship. Vergangenen November sorgte sie mit einem Horror-Crash beim Formel-3-Rennen in Macau – Flörsch kollidierte bei 276 km/h und flog raketenartig von Strecke ab – für Aufsehen. Unsere Zeitung hat mit ihr nach dem Tod von Anthoine Hubert (22), dem schlimmen Unfall von Alex Peroni (19) und serienübergreifend bisher 21 Toten in dieser Saison über das Thema Sicherheit gesprochen.
Sophia, spielt das Schicksal bei einem Unfall eine Rolle?
Ja, ich glaube an Schicksal. Mein Unfall in Macau verlief in so vielen kleinen Details unglaublich maximal glücklich, dass sich der Zusammenhang nur sehr schwer logisch nachvollziehen lässt. Da beginnt für mich Schicksal.
Rennlegende Hans-Joachim Stuck sagte kürzlich: „Man kann Fahrer in Panzer stecken, manches überlebst du nicht.“
Damit hat er recht. Das oberste Ziel der FIA und des DMSB ist, unnötige Risiken auszuschalten beziehungsweise nach bestem Wissen zu minimieren. Wir Fahrer sind bereit, mit dem Restrisiko zu leben.
Macht der Rennsport bei dem Thema Sicherheit alles, was in seiner Macht steht?
Das Sicherheitsniveau sowohl der Autos als auch der Rennstrecken hat sich dank der Unfall-Forschungsarbeit der FIA unter Jean Todt unglaublich verbessert. Meine persönliche laienhafte Meinung zu ein paar Dingen, die ich erlebt habe: Ein Sausage Curb (abgerundeter Randstein, der auf Rennstrecken verwendet wird, d. Red.) gehört nicht an eine Position, an der Rennwagen mit über 200 km/h darüberfahren können. Ein Streckensicherungsfahrzeug darf nicht ohne rechtfertigende Not die Rennstrecke queren oder hinter Kuppen auf der Strecke parken, wenn Rennfahrzeuge auf der Strecke fahren. Ein Safety Car hat nicht unerwartet hinter einer schnellen Kurve mittig auf der Strecke zu warten. Wenn ein Fahrer einen anderen Fahrer von der Strecke drängt, muss es spürbar bestraft werden.
Ist die jüngere Generation, die viel an Simulatoren arbeitet, darauf vorbereitet, was passieren kann?
Ich denke schon. Wir wissen, was passieren kann. Daran ändert die Arbeit im Simulator nichts. Es ist keineswegs so, dass das Risiko ausgeblendet wird. Mein Rennteam Van Amersfoort spricht z.B. die Risiken an Rennstrecken immer an. Frits van Amersfoort gingen die Geschehnisse in Spa und Monza sehr nahe. Er ist sich seiner Verantwortung bewusst und achtet auf jede Kleinigkeit.
Risikieren junge Fahrer zu viel?
Nein. Anthoine und Juan Manuel (Correa, d. Red.) sind als sehr besonnene Fahrer bekannt gewesen. Der Unfallverlauf hatte meiner Meinung nichts mit zu viel Risiko zu tun. Allerdings ist der Erfolgsdruck, der auf den Fahrern lastet, heutzutage wesentlich größer als noch vor ein, zwei Jahrzehnten. 30 Piloten mit Millionenbudgets kämpfen zum Beispiel in der F3 ums Podium. Man darf nicht vergessen, die größte Gefahr lauert im Motorsport meistens hinter den Podiumsplatzierungen. Ab Platz vier versucht jeder massiv nach vorne zu fahren. Das heißt, wenn die ersten drei am Limit fahren, müsste sich der Rest – Gedankenlosigkeit unterstellt – über 100 Prozent des Machbaren bewegen um aufzuschließen. Ob das im Nachwuchssport wirklich jeder Pilot, gerade im hinteren Feld, im Griff hat, das weiß ich nicht.
Auch Sie gelten als aggressive Fahrerin. Wie schmal ist die Linie zwischen Aggressivität und Übermut?
Ich bin auf der Bremse stark. Das macht mir großen Spaß. Im Zweifel wird man sicher darüber diskutieren. Uns ist klar, dass man sich immer wieder im Grenzbereich bewegt. Das liegt in der Natur des Rennsports. Es ist mentaler Kampfsport im Grenzbereich der Fahrphysik und am Limit der Technik. Aber kein Pilot hat die Absicht, jemandem Schaden zufügen zu wollen. Wir sind Profis. Wir sind Sportler. Wir versuchen das Risiko optimal zu handeln. Gott stehe mir bei, dass ich es immer richtig mache. Nach Unfällen ist der Aufschrei groß. Auf der anderen Seite sind die Fans fasziniert von der Gefahr.
Präferieren Sie langweilige, völlig sichere Rennen oder das Restrisiko?
Ich kann mit Restrisiko gut umgehen. Ich möchte aber keinesfalls aus einem vorhersehbaren Grund zu Schaden kommen. In diesem Punkt sind wir Piloten abhängig von der FIA, den Renndirektoren und den Stewards. Wir vertrauen ihnen ein Stück unserer Gesundheit an. Ich appelliere an Zuschauer zu würdigen, dass wir auch bei einem langweiligen Rennen in jeder Sekunde unsere Gesundheit und unser Leben riskieren. Forderungen nach mehr Dramatik bitte ich zu überdenken. Wäre Hamilton beim Abdrängen durch Leclerc nicht freiwillig auf die Wiese gefahren, wäre ein Unfall passiert. Dass nichts passiert ist, haben alle Hamiltons Intelligenz als erfahrener Profi zu verdanken. Kurz: „Intelligenz“ hat „Eier“ geschlagen. Gewürdigt werden die „Eier“. Transferiert bedeutet das: Der nächste Unfall wird kommen.
In Spa wurden viele Fahrer erstmals mit dem Tod konfrontiert. Können Sie das Thema ausblenden?
Vermutlich geht jeder Pilot auf seine Art damit um. Ich habe absolutes Vertrauen in den Sport, wenn ich im Rennwagen sitze. Da konzentriere ich mich zu 100 Prozent auf Auto, Strecke, Gegner und mich. Von den schrecklichen Geschehnissen in Spa habe ich während meiner Rennveranstaltung in Imola erfahren. Mit Juan Manuel bin ich gut befreundet. Ich war echt mit den Nerven fertig. Meine Gedanken waren in Spa bei den Fahrern, den Familien und den Teammitgliedern.
Welchen Gedanken hatten Sie bei der ersten Fahrt nach dem Unfall?
Das war im März in Monza nur 100 Tage nach der Operation. Hört sich vielleicht doof an, aber ich war in diesem Moment nur wahnsinnig glücklich. Es war wie eine Erlösung. Es ist schwierig die Gefühle und das Glück nachvollziehbar zu beschreiben.
Interview: Mathias Müller