München – Die Rolle von Robert Lewandowski beim FC Bayern ist seit jeher eine besondere: Sportlich spielt der Pole in einer eigenen Liga. Für seine Effektivität wurde einst der furchterregende Begriff „Tor-Maschine“ erfunden – in 162 Ligaspielen traf der 31-Jährige 134-mal für den Rekordmeister. Wenn einer die ominöse 40-Tore-Marke von Club-Ikone Gerd Müller nach 34 Spieltagen knacken kann, dann Lewandowski.
Und trotzdem wirkte der Pole lange wie ein Fremdkörper im Team. Ein Einzelkämpfer ohne Anschluss an den Rest des Teams. In der Vergangenheit mutierte er sofort zum Sündenbock, sobald der Bayern-Motor ins Stocken geraten war. Wie nach dem Aus im Achtelfinale der Champions League vergangene Saison gegen den FC Liverpool. Bayern verliert – Lewandowski ist schuld: dieser Reflex hat sich in den letzten Jahren etabliert. Teilweise durch die provozierende Körpersprache des Polens. Aber auch weil ihm seine Teamkollegen bei solchen Attacken nur zaghaft zur Seite springen. Lewandowski wandelt im Mannschaftsgefüge noch immer zwischen den Welten. Traditionell gibt es beim Rekordmeister verschiedene Grüppchen, in denen sich Spieler meist mit ähnlichem kulturellen Hintergrund zusammenfinden. Es gab oder gibt die Südamerika-Fraktion, die Frankreich-Fraktion, die Spanien-Fraktion, die Deutschland-Fraktion. Und eben die Lewandowski-Fraktion. Bestehend aus Robert Lewandowski.
Hinzu kam, dass der Offensiv-Akteur in Interviews regelmäßig mit einem Wechsel zu einem noch größerem Club kokettierte. Real Madrid stand ganz oben auf seinem Wunschzettel. Als er im Februar 2108 Berater-Guru Pini Zahavi engagierte, schien der Abschied aus München besiegelt. Doch das Gegenteil war der Fall. Zahavi verhandelte keinen Mega-Transfer mit den Königlichen aus, sondern einen Rentenvertrag mit dem FC Bayern. Bis 2023 hat sich Lewandowski an den Verein gebunden und die Klärung seiner Zukunft beflügelt den 31-Jährigen. Sechs Tore in drei Spielen – lautet seine stolze Startbilanz der Saison. Doch nicht nur seine Zahlen beeindrucken. Der gebürtige Warschauer trifft aus allen Lagen: mal mit links, mal mit rechts, mit dem Kopf oder sicher vom Elfmeterpunkt.
Auch technisch hat er noch mal einen Sprung nach oben geschafft. Dafür steht sein Tor zum 3:0 beim Auswärtssieg auf Schalke am zweiten Spieltag: Einen als Pass getarnten Schuss von Kingsley Coman nimmt Lewandowski butterweich an, legt sich den Ball mit einem Kontakt perfekt in den Lauf und schiebt mit Übersicht ein.
Um seine Fitness muss man sich ohnehin keine Gedanken machen. Das beweisen seine Social-Media-Schnappschüsse, auf denen er sich in Unterhose präsentiert. Seine Adoniserscheinung ist auch Ehefrau Anna zu verdanken – ihres Zeichens ehemalige Karate-Weltmeisterin und heute als Fitnesstrainerin aktiv.
Die Pflege seines Körpers hat für den 108-fachen polnischen Nationalspieler seit Jugendtagen Priorität. Damals stand seine Statur ihm im Weg. Mehrfach wurde er von Trainern aussortiert. Zu schmächtig, zu dünn, zu zart – nicht profitauglich. Diese Urteile waren an der Tagesordnung. Lewandowski wählte den Umweg über die dritte polnische Liga, um eine Chance im Profi-Fußball zu erhalten. Ihm wurde die Fußball-Welt nicht zu Füßen gelegt, der Sohn eines Judokas und einer Volleyballerin musste sich die Anerkennung mit jedem Tor erkämpfen. In Polen und in Deutschland. Bei Bayern München soll nun der letzte Schritt seiner Karriere folgen. Mit der Vertragsverlängerung hat er ein Statement abgegeben: Aus Anerkennung soll Liebe, womöglich Verehrung werden. Im besten Fall mit 40 Bundesliga-Toren, dem Champions-League-Titel und dem Siegtreffer im Finale.
Dann feiert er mit Sicherheit auch nicht alleine.