„Meine Kindheit in der NHL-Kabine“

von Redaktion

EHC-Zugang Chris Bourque über den berühmten Vater, München und die Silberhelden

München – Chris Bourque, 33, ist einer der Zugänge beim EHC München. Bourque – da merken Eishockeyfans auf. Ray Bourque war einer der besten Eishockeyspieler aller Zeiten: 22 Jahre in der NHL, 1826 Spiele, 451 Tore, 1308 Vorlagen – eine unfassbare Bilanz für einen Verteidiger. Status: Legende. Und ein Spieler mit markanter Rückennummer (77), die wie ein Heiligtum zu behandeln ist und von anderen Cracks in der Regel nicht getragen wird. Sohn Chris hat es auch in die NHL geschafft, aber in bescheidenerem Rahmen (51 Partien). Doch während Bourque senior 21 seiner NHL-Jahre in Boston verbrachte, ist Bourque junior auch für exotische Ziele offen. Ein Gespräch mit Chris Bourque vor seiner ersten DEL-Saison.

Chris, wie ist es, in einer Eishockeyfamilie wie den Bourques aufzuwachsen?

Grandios. Ich hatte eine wunderbare Kindheit mit vielen Gelegenheiten, in NHL-Kabinen zu gehen, viele gute Spieler zu sehen und zu lernen, was einen professionellen Eishockeyspieler ausmacht. Einfach ein Glück.

In Deutschland sieht man nach Spielen, die gut gelaufen sind, dass Spieler eine Ehrenrunde mit ihren Kindern auf dem Arm fahren. War das in Boston auch so?

Aufs Eis durften Kinder in der NHL nicht, aber zumindest nach Siegen ließ man uns in die Kabine, und wir haben das genossen. Da wurde dann schon gefeiert.

Was hat Ihr Vater Ihnen beigebracht?

Alles. Wie man läuft, wie man schießt. Das geht so bis heute. Ich kann mich mit jeder Frage an ihn wenden. Oder er gibt mir von sich aus Ratschläge, wenn er eines meiner Spiele gesehen hat.

Trotzdem wurden sie ein anderer Typ Spieler. Schon von der Position her. Er war Verteidiger, wenngleich mit historischem Vorwärtsdrang, Sie wurden Außenstürmer.

Ich bin nicht so eine Erscheinung wie er. Er ist 1,83 Meter groß und wog als Spieler 100 Kilo, da komme ich mit meinen 1,72 und gut 80 Kilo nicht ran. Zu der Zeit, als ich Nachwuchsspieler war, ist man mit diesen Maßen nicht für eine defensive Rolle vorgesehen gewesen. Und ich habe einfach gerne Tore geschlossen und mich vorne rumgetrieben.

Kleinere Spieler hatten es über Jahrzehnte schwer, überhaupt einen Platz in der NHL zu kommen, weil die auf Größe und Masse setzte. Pech für Sie?

Ja, die NHL hat sich aber verändert. Ihr jetziger Stil entspräche meiner Art, Eishockey zu spielen. Man darf klein sein, wenn man schnell ist und Kreativität zeigt. Ich bin eigentlich sehr zufrieden damit, in welche Richtung das Eishockey geht.

Nur sind Sie nicht mehr der Jüngste und spielen nicht mehr in Nordamerika. Sie sind Weltreisender in Sachen Eishockey.

Ich habe auf eine Möglichkeit gewartet, in einer großen Stadt zu unterschreiben, in der es einen guten Eishockeyclub gibt. Meine Frau und ich waren uns einig: Wenn solch ein Angebot kommt, gehen wir hin. Ganz sicher. Für meine Familie ist das eine tolle Sache, hier zu leben.

2010 und 2013 haben sie es kurz in der Kontinental Hockey League in Russland versucht, der zweitbesten Liga der Welt, doch sowohl in Mytischy als auch in Kasan nur ein paar Spiele gemacht. Warum?

Von der Eishockeykultur war das für mich einfach eine zu große Veränderung.

Sie sind dann jeweils in die Schweiz gewechselt, nach Lugano und Biel.

Das habe ich genossen. Ein schönes Land, ein hoher Lebensstandard, gutes Eishockey. Aus meiner Zeit beim HC Lugano wusste ich auch, was uns in der Champions League vergangenen Wochenende in Ambri erwarten würde. Eine sehr, sehr laute Halle, gegen Lugano, das war das große Derby, man ist als Lugano-Spieler eine Hassfigur. Trotzdem: Auch das kann Spaß machen.

Ihr Vater ist Kanadier, Sie wurden in Boston geboren und sind daher auch US-Bürger. International haben Sie für die USA gespielt, so auch bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang. Die Deutschen gewannen Silber, hier in München sitzen Sie in der Kabine neben einigen der Silber-Helden. Wie haben Sie die damals aus der Distanz erlebt?

Das war eine großartige Geschichte, die scheinbar aus dem Nichts entstand. Doch nun, wo ich hier in München bin, verstehe ich sie. Das sind verdammt gute Spieler, vor allem Danny Aus den Birken, unser Torwart. Und auch alle anderen, die dabei waren (Patrick Hager, Yasin Ehliz, Daryl Boyle, Yannic Seidenberg, Frank Mauer, d. Red.), haben die Klasse, mit der sie vielleicht sogar die Goldmedaille hätten gewinnen können.

Ihr Trainer beim EHC ist Don Jackson, ein NHL-Haudegen.

Er hat gegen meinen Vater in den 80er-Jahren häufig gespielt. Die kennen sich.

Darf sich München auf einen Besuch des großen Ray Bourque in der Olympia-Eishalle freuen?

Ich werde Familienbesuch bekommen, ja. Meine Eltern haben sich für Ende November angekündigt.

Ihr Vater ist 58 – und noch in guter Form?

Nun ja, wie ich sagte, ist er ein imposanter und großer Kerl. Ich denke, er hat ein paar Pfunde draufgepackt. Er golft viel, spielt in seiner Freizeit aber immer noch Eishockey, davon kann er nicht lassen. Wenn er aufs Eis geht, ist er natürlich der beste Mann.

Interview: Günter Klein

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