Stuttgart – Genau zwei Wochen sind es noch, bis die deutschen Turner bei der Heim-WM in Stuttgart an die Geräte gehen. Für Marcel Nguyen wird die Zeit bis zum entscheidenden Wettkampf um die Olympia-Tickets zum Drahtseilakt. Wie im Laufe der Woche bekannt wurde, ist beim 32 Jahre alten Unterhachinger die Supraspinatus-Sehne in der linken Schulter angerissen. Für den großen Traum, zum vierten Mal bei Olympia zu turnen, riskiert Nguyen nun viel, wie er im Interview verrät.
Herr Nguyen, beschreiben Sie Ihre letzte Woche!
Die letzte Woche war nicht so cool bei mir. Ich habe im Training gemerkt, dass etwas an der Schulter nicht stimmt. Ich hatte so ein instabiles Gefühl, habe sogar einen Trainingswettkampf abgesagt – das habe ich noch nie in meiner Karriere gemacht. Aber auch eine Kortison-Spritze hat nicht geholfen, deshalb bin ich direkt ins MRT. Man sieht, dass die Sehne angerissen ist. Jetzt muss ich sehen, wie ich es hinkriege.
Kriegen Sie es denn hin?
Ich muss die ursprünglich geplanten WM-Übungen abspecken, das ist klar. Boden ist kein Problem, am Barren werde ich so turnen, dass es der Mannschaft hilft, ich aber wohl kaum Chancen auf das Einzel-Finale habe. Ringe werden – wie ich es gerade sehe – gar nicht gehen. Das ist schon ein Problem, weil wir an dem Gerät nicht stark besetzt sind. Zur Not werde ich an den Ringen einfach so turnen, ohne Vorbereitung. Das lasse ich mir offen – obwohl mein Arzt sagt, dass es keine gute Idee ist.
Das Risiko turnt also mit?
Leider ja. Ich muss versuchen, es zu minimieren. Aber um eine OP werde ich im Anschluss an die WM wohl nicht herumkommen.
Gab es den Moment, in dem Sie dachten: Jetzt ist der Traum von der zweiten Heim-WM nach 2007 ausgeträumt?
Kurzzeitig ja. Ein so komisches Gefühl wie an diesem einen Tag hatte ich in der Schulter noch nie. Wenn man keine Kontrolle über seinen Körper hat, kann man nicht gut turnen. Aber ich habe es noch einmal ausprobiert und es geht besser, als ich dachte. Und ich glaube, dass ich mit dem, was ich machen kann, der Mannschaft auch helfen kann. Wir brauchen jedes Zehntel.
Hat die Verletzung das Gefühl der nahenden Heim-WM getrübt?
Ein bisschen. Es ist immer ärgerlich, wenn man sich auf etwas vorbereitet und dann genau das, was man eigentlich drauf hat, nicht zeigen kann. Von vornherein mit schwächeren Übungen an den Start zu gehen, ist nicht cool. Aber wir sind einfach sehr dünn besetzt. In einem dichteren Feld hätte man gesagt, es geht auch ohne mich. So wie es aktuell aussieht, werde ich gebraucht.
Anders als 2007, wo Sie bei der Heim-WM gemeinsam mit unter anderem Fabian Hambüchen und Philipp Boy Bronze holten. War dieses Team das beste, in dem Sie in ihrer langen Karriere geturnt haben?
Das beste war es damals noch nicht, weil wir noch stärker geworden sind, gerade Philipp und ich waren ein paar Jahre später noch besser in Form. Und trotzdem waren es schon tolle Zeiten, ich erinnere mich gerne daran.
Sie haben damals eine Ära eingeleitet, von der das deutsche Männer-Turnen lange gezehrt hat. In den letzten Jahren war die Lücke zwischen den Routiniers wie Ihnen zu den Jüngeren hingegen wieder sehr groß.
Leider ja. Wobei sie sich langsam wieder etwas schließt. Karim Rida (19 Jahre und WM-Debütant/d.Red.) ist da ein gutes Beispiel, ich hätte nicht gedacht, dass er so schnell so gut in unser Team findet. Ich hoffe, dass es sich so gut weiterentwickelt. Talent ist da aber nicht alles. Ich habe schon viele gute Jungs gesehen, die nicht oben angekommen sind. Der Körper muss mitmachen, Du musst die Lust und den Willen haben, Leistungssport zu betreiben. Ich sehe aktuell ein paar Turner, die es schaffen könnten.
Sie sprechen aus der Erfahrung von rund 20 Jahren im Bundeskader – und es gab durchaus Zeiten, in denen Sie nicht so viel Lust auf die Turnhalle hatten, oder?
Natürlich, das ist ein Auf und Ab. Irgendwann bist du an einem Punkt, an dem immer derselbe Tagesablauf dich ein bisschen langweilt, an dem du dir denkst: Hey, du hast schon so viel gewonnen, du musst mal etwas anderes sehen. Das habe ich dann gemacht. Ich habe eine WM ausgelassen, bin rumgereist. Da habe ich wieder Lust bekommen – und die hat bis heute gehalten. Ich habe mich auf diese WM richtig diszipliniert vorbereitet. Ich hatte ein Ziel vor Augen, diese WM ist für uns alle etwas Besonderes. Deshalb ist es auch bitter, dass mein Körper nicht mehr so mitmacht wie erhofft.
Wie haben Sie 2007 trainiert? Wie trainieren Sie jetzt?
Das ist schon so lange her, ich weiß nicht mehr genau (lacht). In erster Linie war es viel und intensiv. Heute ist es gezielter und dosierter.
Sie streben Ihre vierten Olympischen Spiele an, die noch dazu in Tokio/Japan stattfinden und somit in einem turnaffinen Land. Spornt das noch mehr an?
Nein, obwohl ich selbst ja asienaffin bin, gerne dorthin reise. Aber Olympische Spiele sind immer und überall einzigartig. Ein viertes Mal dabei zu sein, dieses Gefühl zu erleben – das will ich unbedingt. Meine Karriere wird ja nicht mehr so lange gehen.
Ein gutes Thema: Wie lange?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich schaue inzwischen nicht mehr wirklich von Olympiazyklus zu Olympiazyklus, sondern von Event zu Event. Eine echte Deadline gibt es nicht, aber allzu weit weg ist der Abschied vom aktiven Leistungssport nicht. Zumindest im Bestfall geht es bis Tokio weiter.
Wie sehen Sie die Chancen für die Qualifikation, für die das Team unter die besten 12 WM-Nationen kommen muss?
Das System spielt uns nicht in die Karten, es turnt jetzt ein Turner weniger als vor den letzten Spielen in Rio. Das macht auch kleinere Nationen stärker, die nur wenige gute Turner haben. Für uns ist es schwieriger, und trotzdem sage ich: Wir sind zwar wenige Leute, aber wir sind gute Leute. Wenn wir unser Potenzial abrufen können, schaffen wir es, gerade auch vor einem sicher begeisternden Heimpublikum in Stuttgart.
Interview: Hanna Raif