Ziemlich beste Feinde

von Redaktion

Im Duell zwischen dem FC Bayern und Leipzig treffen sich zwei Fußballwelten

VON DANIEL MÜKSCH

München – Bayerischer Emotionsvulkan trifft auf schwäbischen Fußballprofessor: Um die Kluft zwischen dem FC Bayern und RB Leipzig vor dem Bundesliga-Vergleich der beiden am Samstag zu veranschaulichen, rücken die beiden Aushängeschilder der Vereine in den Fokus.

Auf Münchner Seite: Uli Hoeneß. Emotionaler Bauchmensch, selten im Verdacht, seine Sprüche zu verkopfen. Zahlen, Fakten, Bilanzen: schön und gut, wichtig für das Münchner Festgeldkonto, aber letztlich vertraut der Bayern-Präsident seinem Instinkt. Auch wenn dieser ihn in den letzten Jahren immer mal wieder im Stich gelassen hat.

Auf Leipziger Seite: Ralf Rangnick. Messerscharfer Analytiker, der die Herzen nicht im Sturm erobert. Der „Head of Sport and Development Soccer“ hat sich ein beeindruckendes Theoriewissen angeeignet. Rangnick schwebt als wissenschaftliche Instanz über dem Großprojekt Fußball bei Red Bull.

Zwei Alphatiere auf Kollisionskurs – und mit Giftpfeil-Historie. Als „Besserwisser“ titulierte Hoeneß einst den ambitionierten Kontrahenten und attestierte ihm „gefährliche Höhenflüge“. Rangnick konterte: „Wenn Sie flotte Sprüche hören wollen, müssen sie nach München fahren. Wenn sie flotten Fußball sehen wollen, sind sie bei mir richtig.“

Im Spätsommer 2019 fallen die Worte diplomatischer aus. Dennoch leben die Macher und damit auch der FC Bayern und RB Leipzig weiter in unterschiedlichen Fußball-Realitäten. Der FC Bayern ist aus dem Kleinen gewachsen. Hat auf der Reise an die Spitze immer versucht, Fans und Mitglieder mitzunehmen. Heute wird dieses Unterfangen in einer Welt von Giganten-Transfers, streikenden Superstars und Marketing-Reisen nach Fernost oder über den Atlantik spürbar ambitionierter. Nichtsdestotrotz: Mit rund 290 000 Mitgliedern ist der FC Bayern der mitgliederstärkste Verein der Welt.

Davon ist Rasenball Leipzig 289 983 Mitglieder entfernt. Ganze 17 stimmberechtigte Mitglieder zählt der Rasenballsport Leipzig e. V. An mehr haben die dosengeförderten Sachsen auch kein Interesse. Man möchte sich gegen unbequeme Einflussnahme absichern. Red Bull plant(e) sein Fußballprojekt aus dem Großen in das Kleine. Mit betriebswirtschaftlichen Blaupausen und einem Forderungskatalog (zum Beispiel was einen Vereinsnamen betrifft) bereisten die Österreicher Deutschland.

Nachdem der Brause-Hersteller bei Fortuna Düsseldorf, St. Pauli und 1860 München abgeblitzt war, startete das ehrgeizige Vorhaben in Sachsen.

Eine Club-Identität, die sich aus Regionalstolz und Tradition speist, bleibt so auf der Strecke. 128 Fanclubs mit knapp 20 000 Mitgliedern klingt zwar respektabel, die Zahlen relativieren sich jedoch mit Blick auf den FC Bayern: In 4486 Fanclubs tummeln sich 346 025 Bayern-Anhänger. In den Statistiken der Fußball-Nostalgiker liegt der deutsche Rekordmeister schier uneinholbar in Front.

Bei einer Statistik hat der Tabellenführer aus dem Osten allerdings die Nase vorn: In der Länderspielpause schickte RB 17 Nationalspieler in die Welt. Zwei mehr als die Münchner, die 15 Profis abstellten. Drei Leipziger standen bei Joachim Löw im Kader – Werner, Halstenberg, Klostermann. Mit Neuer, Süle, Kimmich und Gnabry hatte der FC Bayern zwar noch einen Akteur mehr an Bord. Dennoch agiert man in diesem Bereich inzwischen auf Augenhöhe.

Und da braucht der bayerische Emotionsvulkan keinen schwäbischen Fußballprofessor, der ihm erklärt, dass über die Vorherrschaft im deutschen Fußball in erster Linie immer noch auf dem Rasen entschieden wird.

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