Nur ein halbes Kunstwerk

von Redaktion

Im Topspiel gegen Leipzig zeigt der FC Bayern wieder seine zwei Gesichter

VON JONAS AUSTERMANN

Leipzig – Nur ein Punkt und die Tabellenführung verpasst – die Bilanz des FC Bayern nach dem 1:1 (1:1) im Spitzenspiel bei RB Leipzig liest sich einigermaßen ernüchternd. Und das vor allem, weil im Osten der Republik erneut ein Problem zu Tage trat, das den Rekordmeister in der noch jungen Saison schon häufiger beschäftigt hat. Die Münchner schaffte es weder gegen Hertha (2:2) und Mainz (6:1), noch gegen Leipzig 90 Minuten lang Herr der Lage zu sein. Immer wieder gönnt sich das Team von Niko Kovac folgenschwere Auszeiten, lädt sogar vermeintlich schwache Gegner zu Torchancen ein. Bayern spielt in dieser Saison bisher mit zwei Gesichtern.

Gegen Mitte der ersten Halbzeit gab es für den FC Bayern und Coach Niko Kovac das wohl größtmögliche Lob – vom Leipziger Publikum. Die RB-Fans hatten genug gesehen, es wurde gepfiffen. Nicht alle schlossen sich an, doch die Unmutsbekundungen waren nicht zu überhören. Sie waren die Konsequenz dessen, was die Münchner bis dato auf den Rasen der Red-Bull-Arena gezaubert hatten – ein Kunstwerk. 75 Prozent Ballbesitz, gepaart mit dem Gefühl der totalen Chancenlosigkeit für Leipzig. Bayern ließ RB laufen wie die Schuljungen. Trainer Julian Nagelsmann sprach von einem „Waldlauf ohne viel Fußball“. Kovac schwärmte zu Recht: „Wir haben in der ersten Halbzeit mit das beste Spiel gemacht, seitdem ich hier bin.“

Das war zu großen Teilen ein Verdienst des Trainers. Er hatte Joshua Kimmich und Thiago erneut ins Zentrum beordert, Leipzig – zunächst mit nur einem defensiven Mittelfeldmann aufgestellt – kam gar nicht erst in die Zweikämpfe. „In der ersten Halbzeit war viel mehr drin. Da hätten wir das eine oder andere Tor mehr machen können“, sagte Kapitän Manuel Neuer. Die mangelhafte Chancenverwertung war der einzige Vorwurf, den der FC Bayern sich machen konnte – es fiel nur der eine Treffer von Robert Lewandowski in der Anfangsphase. „Nach der ersten Halbzeit dürfen wir niemals mit 1:1 in die Pause gehen“, fand Thomas Müller.

Was die Bayern so stark machte? Die Innenverteidiger Niklas Süle und Jerome Boateng zogen Leipzigs Offensivspieler, die erste Angriffsreihe also, mit gutem Passspiel weit auseinander. Rund um den Mittelkreis hatten Kimmich und Thiago nahezu Narrenfreiheit. Auf dem rechten Flügel drehte Kingsley Coman Gegenspieler Marcel Halstenberg nach Belieben ein.

Kurz vor der Halbzeitpause hob Lucas Hernandez dann im RB-Strafraum ab, den Elfmeterpfiff nahm Schiedsrichter Sascha Stegemann nach Studium der Bewegtbilder korrekterweise zurück. Stattdessen gab’s kurz danach Elfmeter für Leipzig. Und dann zeigten die Bayern plötzlich ihr anderes Gesicht…

So gut die erste bayerische Hälfte war, so billig ließen sich die Münchner im zweiten Abschnitt überrumpeln. Der naheliegende taktische Kniff von Nagelsmann, auf Viererkette umzustellen, reichte aus, um bei den Bayern das Chaos ausbrechen zu lassen. RB hatte plötzlich einen Mann mehr im Zentrum, verwickelte die Gäste in viele Zweikämpfe und hatte mit Yussuf Poulsen jemanden, der die Kreise von Kimmich und Thiago eingrenzte.

„Wir wissen, dass Nagelsmann taktisch umstellen kann – das hat er mit Hoffenheim schon gemacht. Das war nichts Überraschendes für uns“, sagte Neuer, aber bemängelte die ausbleibende Reaktion: „Wir müssen mutiger sein und mit dem Selbstverständnis der ersten Halbzeit weitermachen.“ Als Kritik am Trainer sollte aber dies nicht verstanden werden. „Keine Feuer legen, bitte“, meinte Müller

Kovac sorgte mit einer kruden Aussage zu den Umstellungen seines Kollegen für Aufsehen. „Es ist schwierig, während des Spiels Einfluss zu nehmen auf die Mannschaft. Klar kann man umstellen, aber ich weiß nicht, ob jeder alles mitbekommt.“ Letztlich hätte der FC Bayern genau diesen Impuls von der Seitenlinie gebraucht, um sich nicht auf den offenen Schlagabtausch in Durchgang zwei einlassen zu müssen.

Die taktische Umstellung der Leipziger war das eine, das andere die fehlende Flexibilität der Münchner im Vorwärtsgang. Stellt ein Team wie RB das Zentrum zu, sind die Bayern mit dem flügellastigen Fußball leicht auszurechnen. Das dürfte in der Champions League härter bestraft werden – eher noch nicht am Mittwoch gegen Roter Stern Belgrad, aber amzweiten Spieltag bei Tottenham Hotspur. Dann klärt sich auch die Frage, welches das wahre Bayern-Gesicht ist.

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