München – Schon im vergangenen Jahr hat sich Pascal Ackermann einen Namen als hoffnungsvoller Sprinter gemacht, wurde sogar zum deutschen Radsportler 2018 gewählt. In dieser Saison schaffte der 25-jährige Pfälzer vom Bora-hansgrohe-Team den endgültigen Durchbruch, gewann beim Giro d’Italia zwei Etappen, hat bislang stolze zehn Saisonsiege zu Buche stehen – und ist damit erfolgreichster deutscher Radprofi. Ackermann gehört auch zum deutschen Aufgebot für die 86. Straßen-Weltmeisterschaft (22. – 29. September), die in der englischen Grafschaft Yorkshire ausgetragen wird. Beim abschließenden Eliterennen (286 Kilometer) gibt er sein WM-Debüt.
Pascal Ackermann, die Saison geht allmählich dem Ende zu, Sie haben schon viele Tausend Rennkilometer in den Beinen, wie sehr brennt da vor der Straßen-WM noch das Feuer?
Ich hatte ja zuletzt eine Wettkampfpause und in dieser Zeit die Form noch einmal aufgebaut. Jetzt stehe ich vor einer WM, bei der ich vielleicht vorne reinfahren kann. Da bin ich natürlich schon noch unter Feuer.
Sie haben vor knapp zwei Wochen in Frankreich den Grand Prix de Fourmies gewonnen, Ihre persönliche WM-Generalprobe. Beflügelt das für die WM?
Ich habe gesehen: Die Form ist da, wir haben alles richtig gemacht. Seither bin ich noch ein Stück mehr motiviert als vorher.
Haben Sie sich schon mal den WM-Kurs mit seinem welligen Profil genau angeschaut?
Offen gestanden: noch nicht so richtig. Das machen wir dann vor Ort in Yorkshire. Ich will mich vorher nicht verrückt machen und lasse das stattdessen einfach auf mich zukommen. Die Strecke guck ich mir dann in England an.
Das Aufgebot des Bund Deutsche Radfahrer (BDR) besteht aus einer Mischung von Klassikerspezialisten, Helfern und einem Sprintspezialisten, eben Ihnen. Wie könnte da die Taktik ausschauen?
Es ist bei diesem Rennen vieles möglich. Es kann sein, dass es zu einem Sprint aus einer größeren Gruppe kommt. Es kann aber auch sein, dass eine kleinere Gruppe oder wie bei einem Klassikerrennen ein einzelner Fahrer als Erster ankommt. Ich bin zuständig, wenn es eine Sprintentscheidung gibt. Wenn es aber am Ende zu hart wird, dann sind die anderen wie Nils Politt, John Degenkolb oder Nikias Arndt gefragt. Wir haben für jedes Szenario einen Spezialisten dabei – und hoffen, dass am Ende einer von uns vorne mit dabei ist.
Mit Marcus Burghardt ist auch ein Kollege aus Ihrem Raublinger Bora-hansgrohe-Rennstall im Nationalteam dabei. Er könnte für Sie eine wichtige Rolle spielen …
Burgi ist ein total erfahrener Fahrer. Der hat schon rund zehn Weltmeisterschaften auf dem Buckel. Eine WM ist immer ein außergewöhnliches Rennen, und da ist man dankbar, so einen routinierten, starken Helfer aus den eigenen Reihen zur Seite zu haben.
Sie geben ja Ihr WM-Debüt. Ein besonderer Ansporn?
Klar. Die WM ist wie eine Belohnung für mich. Das Streckenprofil ist ja sehr hart und nicht unbedingt auf mich zugeschnitten. Dass mich der BDR trotzdem mitgenommen hat, freut mich natürlich sehr.
Hatten Sie zu Beginn des Jahres das Gefühl, dass so eine starke Saison in Ihnen steckt?
Nach der letzten Saison, die schon sehr gut für mich gelaufen ist, war der Druck schon groß. Ich wusste, dass ich erst einmal bestätigen musste, was ich im letzten Jahr geleistet hatte – und da ist es für mich schon überraschend gut gelaufen. Dass ich in diesem Jahr noch etwas draufsetzen konnte, war nicht zu erwarten. Und deswegen bin ich sehr happy.
Die Schlüsselwochen Ihrer bisher besten Saison waren wohl beim Giro mit Ihren zwei Etappensiegen, den ersten bei einer Grand Tour…
Ich bin mit einer Megaform in den Giro reingegangen. Eine Woche zuvor hatte ich ja in Frankfurt gewonnen. Es gab dann tatsächlich extreme Hochs. Aber auch extreme Tiefs …
Sie meinen Ihren schweren Sturz auf der zehnten Etappe kurz vor dem Ziel in Modena …
Ja, das hat viel Kraft gekostet. Ich hatte noch nie so viel Haut verloren. Und ich brauchte viel Motivation zu sagen: Ich fahr jetzt weiter.
Wie haben Sie das geschafft?
Meine Teamkollegen haben gesagt: Pascal, das gibt’s jetzt nicht, dass wir aussteigen – wir fahren jetzt solange es geht. Es gab schließlich noch die Chance, das Sprinttrikot zu gewinnen. Und das hat mich dann angetrieben. Ich habe mir gesagt: Wir geben uns nicht geschlagen und versuchen, das Trikot zu holen.
Sie hatten schwere Hautabschürfen. Da findet man normalerweise keinen Schlaf. Wie ist es Ihnen da nachts ergangen?
Ich hatte zum Glück nur eine Seite offen – und konnte mich somit auf die andere, die linke Seite drehen und schlafen. Es hat zwar schon wehgetan und ich konnte auch nicht durchschlafen. Aber es war besser, als beide Seiten offen zu haben.
Glauben Sie, dass dieser Giro Sie als Radfahrer noch härter gemacht hat?
Man konnte sehen, dass ich nicht so schnell aufstecke. Viele Fahrer hätten nach dem Sturz aufgegeben. Es war auch wirklich nicht mehr schön, mit diesen Verletzungen Rad zu fahren. Zwischendurch hatten wir das Trikot sogar verloren und mussten es zurückgewinnen. Dadurch, dass ich das geschafft habe, war dieser Erfolg für mich noch größer, als es ohne Sturz zu gewinnen.
Was macht man mit so einem Andenken?
Das Trikot hängt noch nicht an der Wand, aber es hat schon seinen Platz in meinem Kleiderschrank.
Die Saison ist ja nicht nur für Sie, sondern auch für Ihr gesamtes Team grandios verlaufen. Der Bora-hansgrohe-Rennstall zählt inzwischen zu den Top-adressen der Branche. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?
Ich glaube, es ist unübersehbar, dass ich mit Bora-hansgrohe sehr glücklich bin. Ich habe deswegen auch schon letztes Jahr bis Ende 2021 verlängert. Für mich ist es wirklich ein Traum, in diesem Team zu sein. Der Rennstall ist ja Schritt für Schritt aufgestiegen bis in die World Tour. Da ein Stück beizutragen, ist schon geil. Und dann ist es auch noch ein deutsches Team und wir haben fast alle großen deutschen Talente in unserer Mannschaft. Das macht das Projekt auch nach außen noch ein Stück sympathischer. Ich glaube, es ist deutlich zu sehen: Da ziehen alle an einem Strang und wollen Teil dieses Projekts sein.
Was haben Sie sich denn für persönliche Ziele gesetzt?
An erster Stelle steht ein Etappensieg bei der Tour de France. Ich hoffe natürlich, dass ich innerhalb der nächsten zwei Jahre bei der Tour am Start sein werde. Bei der WM vorne dabei zu sein, wäre natürlich ein Traum, aber da muss halt immer alles perfekt laufen.
Interview: Armin Gibis