Wenn die Schulter streikt

von Redaktion

Marcel Nguyen muss doch auf die Heim-WM verzichten und sich stattdessen operieren lassen

VON HANNA RAIF

Fellbach/München – Wenn Marcel Nguyen auf einem Podium Platz nimmt, kann man an Tonfall, Körperhaltung und Mimik nicht erahnen, ob er über einen Olympiasieg oder eine Verletzung philosophieren wird. Der 32-Jährige spricht stets ruhig, bedacht und ohne Gefühlsausbrüche, genauso war das auch am Freitag. Trotzdem hat man schon im Vorfeld erahnen können, worum es in der kurzfristig einberufenen Pressekonferenz gehen würde. Knapp zwei Wochen vor dem Start einer Heim-WM redet man noch nicht über Edelmetall, aber über Verletzungen. Im Fall des deutschen Vorzeige-Turners, Silbermedaillen-Gewinner von London 2012, hieß das: Er verkündete seinen Start-Verzicht. Die linke Schulter schmerzt zu sehr. Statt zur WM in Stuttgart geht es auf den OP-Tisch.

„Es hat alles nicht so funktioniert, wie ich mir das erhofft habe“, gab Nguyen zu. Erst vor gut einer Woche hatte er – in ähnlichem Tonfall – angekündigt, trotz angerissener Supraspinatus-Sehne in der linken Schulter antreten zu wollen, alles zu geben, um mit seinem Team das Ticket für die Sommerspiele 2020 in Tokio zu lösen.

Die Gewissheit, dass es nicht klappen werde, folgte dann im Training am Donnerstag in Kienbaum. Die Übung im Probe-Wettkampf an seinem Paradegerät Barren konnte er nicht zu Ende turnen, „weil ich die Kontrolle über meine Schulter verloren habe“, erzählte Nguyen. Regelrecht „eingebrochen“ sei er – und wusste: „Wenn mein Körper nicht mitmacht, kann ich meinem Team nicht helfen. Das wäre verantwortungslos.“

Ein Aus kurz vor einem Saison-Höhepunkt ist immer bitter, dieses Aus kurz vor dieser, seiner WM in der langjährigen Heimat Stuttgart für Nguyen mehr als das. „Das war die schwerste Entscheidung meiner Karriere. Der seelische Schmerz ist größer als der körperliche“, sagte er, und dass er das ernst meint, kann man ihm glauben.

Anders als unter anderem Fabian Hambüchen nämlich musste Nguyen im Herbst bzw. Winter seiner langen Karriere noch einmal an allen sechs Geräten Höchstleistung bringen, um überhaupt eine Rolle im Team zu spielen. Mühevoll hat er sich zurückgekämpft von einem Geräte-Spezialisten zu einem soliden Mehrkämpfer, sogar an seinem ungeliebten Pauschenpferd brachte er im Rahmen seiner Möglichkeiten gute Leistungen. „Ich hatte mir vorgenommen, noch mal alles zu geben. Aber so ist der Sport. Man muss jetzt nach vorne schauen“, sagte er nun. Seine Mannschaft sei nun mit Ersatz-Turner Philipp Herder „ein wenig geschwächt, aber ich hoffe, dass sie es schaffen. Und dass ich auch die Chance habe, in Tokio noch mal dabei zu sein.“ An ein Karriereende denkt Nguyen nicht, weil er unbedingt ein viertes Mal zu Olympischen Spielen will.

Der Zeitplan ist daher straff. Im Moment wisse er nicht, „ob die Sehne noch dran ist oder nicht“, Anfang der Woche wird das bei einer OP festgestellt und die Verletzung auch gleich repariert werden. „Ich darf keine Zeit verlieren. Es dauert ungefähr ein Jahr, bis man wieder auf dem alten Stand ist.“ Olympia in Tokio beginnt am 24. Juli 2020. Dieses Datum treibt Nguyen nun an – nicht mehr der 4. Oktober 2019, der Start der Heim-WM.

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