Mitten im Prozess

von Redaktion

Die Bayern fühlen sich trotz einiger Problemchen bereit für die großen Spiele

VON ELISABETH SCHLAMMERL

München – Es gehört nicht zur Tradition in München, Geschenke zum Wiesn-Auftakt zu verteilen. Schon gar nicht beim FC Bayern, aber dieses Mal war es ein bisschen anders. Es war der Tag der Präsente, allerdings ein bisschen anders, als es sich der Gegner 1. FC Köln erhofft hatte. Denn für den hatten die Münchner nichts vorgesehen – außer Unterstützung bei der Tisch-Reservierung im Marstall-Festzelt, wo die Rheinländer am Samstagabend den aus ihrer Sicht frustrierenden Ausflug nach München ausklingen ließen.

Bayern-Trainer Niko Kovac schenkte hingegen seiner Mannschaft einen freien Sonntag, strich nach dem 4:0-Sieg kurzerhand die Trainingseinheit am Vormittag. „Sieben Tore in dieser Woche, darauf lässt sich aufbauen“, findet Kovac, der das 3:0 am vergangenen Mittwoch gegen Belgrad dazurechnete. Zuvor hatte ja schon das Elfmeter-Präsent von Robert Lewandowski an Philippe Coutinho (siehe nächste Seite) für Beachtung gesorgt. Ach ja, ein wenig bedachten die Münchner dann doch auch Köln, weil sie es versäumten, nach dem frühen 1:0 von Lewandowski nachzulegen und so beim Aufsteiger ein wenig Hoffnung aufkeimte, vielleicht doch eine Überraschung schaffen zu können. Aber den durchaus mutigen Vorstößen der Kölner fehlte die Durchschlagskraft.

Die Partie gegen das Team von Trainer Achim Beierlorzer war ein Spiegelbild fast aller Spiele der Münchner in dieser Bundesliga-Saison sowie des Champions-League-Auftritts gegen Belgrad. Sie geben früh die Richtung vor, kommen dann aber von ihrem Weg ab. Mal dauert dies länger, mal nicht so lang, aber fast immer finden sie zurück in die Spur. Am Samstag gelang dies gleich zu Beginn der zweiten Hälfte mit Lewandowskis zweitem Treffer. Coutinhos Elfmetertor und das 4:0 von Perisic – da spielte Köln nach Ehizibues Roter Karte bereits in Unterzahl – waren Zugabe.

Für Kapitän Manuel Neuer kommen die Schwankungen nicht überraschend. Die Mannschaft könne „noch nicht eingespielt sein“ durch die personellen Veränderungen vor der Saison und der Notwendigkeit, in den Englischen Wochen ein wenig zu rotieren. Es wurden nicht nur Schlüsselpositionen (Coutinho im Mittelfeld, Hernandez und Pavard in der Abwehr) umbesetzt, sondern in der Mannschaft bildet sich gerade eine neue Hierarchie. „Es ist für uns ein Prozess. Wir müssen daran arbeiten, dass die Automatismen besser und besser werden“, weiß der Torhüter, der findet: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Der Anpassungsprozess von Coutinho und Perisic, den beiden späten Zugängen der Bayern, ist schon weit fortgeschritten, aber eben noch nicht abgeschlossen. Es gibt in der Mannschaft keine Zweifel, dass vor allem der Brasilianer für ein höheres spielerisches Niveau sorgen wird – und die Qualität des Kaders den hohen Anforderungen entspricht. „Wir sind schon breiter aufgestellt als in den Jahren zuvor“, sagte Joshua Kimmich im „Aktuellen Sportstudio“. Er ist überzeugt, „dass wir um den Champions-League-Titel mitspielen können“.

Dass Thomas Müller seine Rolle als Backup des Brasilianers bisher klaglos hinnimmt oder Javier Martinez nicht murrt, weil er im Mittelfeld in der Rangliste auch hinter Kimmich zurückgefallen ist, sind Indizien für ein derzeit intaktes Teamgefüge. Für einen Gegner wie Köln sei die Leistung „optimal“ gewesen, sagte Neuer: „Die Frage ist, gegen welche Mannschaft das so nicht reicht.“

Für Lewandowski ist nicht entscheidend, in dieser ersten Saisonphase zu überzeugen, wie es die Bayern vor einem Jahr getan hatten, ehe – zur Wiesn-Zeit – der Einbruch kam. Sein Blick richtet sich bereits auf die Rückrunde, wenn in der Champions League die K.o.-Phase mit den großen Partien beginnt. „Die Saison ist noch lang“, sagte der Pole. „Man muss nicht schon in den ersten Spielen alles zeigen.“ Vor allem, wenn es bereits genügt, einen Teil zu zeigen.

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