Warum ist Amine Harit plötzlich so gut?

von Redaktion

SC FREIBURG

Bevor er Präsidentschaftskandidat des DFB wurde, hat sich während eines Spiels nie eine Fernsehkamera auf den Vorsitzenden des SC Freiburg gerichtet. Der kleine badische Club hatte nie die Aufmerksamkeit eines FC Bayern oder Borussia Dortmunds, und Fritz Keller war keiner, der das TV-Bild mit seinem Mienenspiel füllen konnte wie Hoeneß, Rummenigge, Watzke, Sammer. Doch nun: ständiger Schlenker auf den Winzer, der am Freitag zum höchsten (oder wie sein schwer sonnenbebrillter Tribünennachbar Joachim Löw sagen würde: högschden) Mann im Verband gewählt wird. Das 1:1 gegen Augsburg war „sein letztes Heimspiel“, so tönte es bedeutsam aus dem Kommentatoren-Off. Was nun, SC Freiburg?

Es wird sich nichts ändern. „Der Acker ist bestellt“, sagt Keller selbst, „nach mir wird es mindestens genau so gut weitergehen.“ Nächste Saison im neuen Stadion und selbstverständlich in der Bundesliga. „Wir haben schon 25 Prozent der 40 Punkte geholt, die wir zum Klassenerhalt brauchen.“ Wobei: In den vergangenen Jahren hätten es auch weniger getan, und gefühlt holte der SC gegen Augsburg nicht nur einen Punkt, sondern drei: Denn in der Schlussphase trafen Höfler und Petersen den Pfosten. Trainer Christian Streich meinte gelassen: „Dazu ist der Pfosten da, dass ab und zu an ihn hingeschossen wird.“ Streich würde man vermissen, Keller weniger.

Für Keller werden die Themen nun andere, weniger wohlgefühligere als im Freiburger Umfeld. Dem wohl wichtigsten Vizepräsidenten des DFB, Rainer Koch, drückte der „Spiegel“ in seiner neuesten Ausgabe eine Geschichte rein: 80 000-Euro-Dienstwagen, Business-Class-Flüge, viel Luxus für einen Verband, der bescheidener werden will.

RB Leipzig

Der SC Freiburg war im Verlauf des 5. Spieltags Spitzenreiter. In der Viertelstunde zwischen dem 1:0 und dem Augsburger Ausgleich durch den Ex-Freiburger Florian Niederlechner stand der Sport-Club am Samstagnachmittag in der Blitztabelle auf Platz eins. Als die virtuellen Punkte 11 und 12 weg waren, verklangen die „Spitzenreiter, Spitzenreiter“-Rufe, und der FC Bayern platzierte sich oben. Aber nur bis zum Abend: Mit dem 3:0-Sieg in Bremen zog Leipzig an Freiburg und München vorbei.

Wahrer Spitzenreiter ist eben, wer oben steht, wenn alle ihre 90 Minuten hinter sich haben. Irgendwann sind es doch wieder die Bayern, deswegen sollte man das Frühstadium der Saison genießen. Sogar Schalke hatte die Chance am 5. Spieltag, Erster zu werden. Am Freitag. Mit einem 5:0-Sieg über Mainz wäre das geglückt: Spitzenreiter für eine Nacht.

RB Leipzig tritt derzeit aber schon sehr überzeugend auf. Auch in der Champions League hatte sich das Team von Julian Nagelsmann schadlos gehalten. 2:1-Sieg bei Benfica Lissabon. Da konnte es das Konstrukt verkraften, dass sich mal wieder Spott ergoss über seine mitgereisten Fans, von denen ein Video in Umlauf geriet, auf dem sie hyperkorrekt „Schalalalalalalalala, Rasenballsport Leipzig“ sangen und in die Hände klatschten, als wären sie beim abendlichen Aldiana-Clubtanz.

Schalke 04

Vor zwei Jahren, als Domenico Tedesco ein junger Wundertrainer war und der FC Schalke 04 Vizemeister wurde, galt Amine Harit als Entdeckung. Damals 20 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Frankreich, international zunächst für die französischen U-Mannschaften, dann für Marokko am Ball. Ein geschmeidiger Dribbler. Die Deutsche Fußball-Liga ernannte ihm zum Rookie der Saison.

Doch in seiner zweiten Saison spielte er kaum eine Rolle. Im Juni 2018 war er in Marrakesch in einen Autounfall verwickelt, er saß am Steuer, ein 28-jähriger Mann starb. Harit wurde zu vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Er dachte, es könne im Fußball dennoch so weitergehen. Heute weiß er: „Ich habe mich belogen.“ Die Leistungen ließen nach, er stand zwischenzeitlich nicht mehr im Kader, es gab auch Gerüchte, er sei spielsüchtig.

Umso erstaunlicher, dass er diese Saison zu den Schalker Leistungsträgern zählt. Die Königsblauen verdanken es Harit, mittlerweile 22, dass sie Mainz last minute besiegten.

Er sagt, er habe den Unfall verarbeitet, sei jetzt „wieder frei im Kopf“. Und vor allem, der ewige Klassiker unter jungen Fußballprofis: Vater zu werden verändert alles. Im Mai kam die Tochter Alijah zur Welt. „Mehr Verantwortung führt zu einer neuen Sichtweise.“ Harit, der Geläuterte. Plus: Er kann mit David Wagner, dem neuen aus England gekommenen Trainer. Auch ein Klassiker. GÜNTER KLEIN

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