„Als Skirennfahrer oder als Fußballer – nur Leistung zählt“

von Redaktion

Der ehemalige Ski-Bundestrainer Mathias Berthold über seinen neuen Job beim Zweitligisten 1. FC Nürnberg

München – Der Vorarlberger Mathias Berthold, 54, war insgesamt acht Jahre Alpin-Cheftrainer beim Deutschen Skiverband – von 2006 bis 2010 bei den Frauen, von 2014 bis Ende der vergangenen Saison bis den Männern. Im Frühjahr verabschiedete sich der ehemalige Rennläufer, der zuletzt in Salzburg ein Diplomstudium für sportpsychologisches Training absolvierte, vom Skisport und betreut nun unter anderem die Mannschaft des Fußball-Zweitligisten 1. FC Nürnberg als Mentalcoach.

Ein Österreicher, der seit Kindesbeinen an im Skirennsport unterwegs, ist nun Mentalcoach für die Fußballer des 1. FC Nürnberg. Wie kam es dazu?

Ich bezeichne mich nicht gerne als Mentalcoach, aber ich habe noch nicht ganz die richtige Definition gefunden, vielleicht Coach für Persönlichkeitsentwicklung, Teamentwicklung, Spielerentwicklung. Das ist umfassender als nur das Mentale, denn es geht ja auch um Themen wie den Umgang mit den Medien und den Fans zum Beispiel.

Das wäre geklärt. Aber trotzdem ist der Wechsel vom Ski-Bundestrainer zu einem Fußball-Zweit- ligisten ist schon ungewöhnlich. Das müssen Sie erklären.

Ich habe mich schon als aktiver Skirennfahrer immer intensiv mit Sportpsychologie beschäftigt, weil ich in vielen Situationen keine Lösungen gefunden habe, warum ich zum Beispiel nicht hundertprozentig meine Leistung in den Schnee gebracht habe, warum ich nicht gekämpft habe, sondern resigniert. Deshalb hatte es auch für mich als Trainer immer höchste Priorität, meine Athleten nie in solche Situationen kommen zu lassen, ihnen zu helfen, Lösungen zu finden. Ich habe viele Bücher darüber gelesen, viel mit Sportpsychologen geredet. Ich habe dann auch viel selbst angewendet und schließlich studiert. Ich wollte mich einfach weiterbilden für meinen Job als Skitrainer – und bin hängen geblieben, weil es mir total Spaß gemacht hat und weil es mich motiviert hat, in diese Richtung zu arbeiten.

Das hätten Sie ja auch weiterhin beim DSV machen können.

Irgendwann war mir klar, dass die Sportpsychologie mein Betätigungsfeld ist, und deshalb habe ich mich entschieden, meine Tätigkeit als Bundestrainer beim Deutschen Skiverband zu beenden und mich auf diese neue Herausforderung einzulassen. Für mich war aber ganz klar, dass ich mich nicht nur um Skisportler kümmern möchte. Auf den Punkt Höchstleistungen zu bringen, betrifft ja nicht nur Skirennfahrer, sondern alle Sportarten.

Mit Skisportlern arbeiten Sie aber schon auch noch, oder?

Ja, aber nicht nur. Ich arbeite auch mit Golfspielern zusammen und eben auch mit Fußballern. Auf dem 1. FC Nürnberg liegt jetzt gerade mein Hauptfokus, nicht qualitativ aber quantitativ.

Was kann man vom Skisport in den Fußball mitnehmen?

Nur, dass ich mit Höchstleistungssportlern über 23 Jahre lang gearbeitet habe, und das, glaube ich, auch immer sehr gut hinbekommen habe. Es gab jedenfalls immer sehr positives Feedback von Trainerkollegen und Athleten. Ich nehme nur mit, dass ich Athleten geholfen habe, Olympiasieger und Weltmeister zu werden. Und dieses Wissen, wie wir das gemacht haben, die Strategien, die wir angewandt haben, bestärken mich darin, dass ich für jeden Sportler gute Arbeit leisten kann.

Muss man Fußballer anders anpacken als Skifahrer?

Die Mechanismen sind natürlich unterschiedlich, aber dass ich als Sportler meine Höchstleistung bringen muss – egal ob in Schladming im Slalom vor 50 000 Zuschauern oder für den Club gegen den Karlsruher SC im Stadion, das ist dasselbe.

Auch die Art und Weise, wie man zu dieser Höchstleistung kommt?

Ein bisschen unterschiedlich ist sie schon, weil man bei einer Mannschaftssportart im Vergleich zu einer Einzelsportart andere Faktoren miteinbeziehen muss.

Was ist im Fußball als Mannschaftssportart wichtiger als beim Ski oder Golf?

Dass man die Mannschaft nicht außer acht lässt. Wobei ich das beim Skifahren auch nie gemacht habe. Mir war es immer wichtig, dass die Athleten wissen, ein starkes Team hilft auch mir als einzelnen Sportler, besser zu worden, obwohl mein Teamkollege mein größter Gegner sein kann. Bei einer Mannschaftssportart ist das natürlich anders, da ist mein Teamkollege derjenige, der mich unterstützt und den ich unterstütze. Wenn elf Leute auf dem Platz stehen und in der Lage sind, annähernd ihr Maximum zu bringen, erleben sie den Wert des Teams erheblich mehr, als wenn sie nur 70 Prozent bringen.

Sind Sie froh, da bei einer Mannschaft ohne Superstars zu arbeiten? Denn große Spieler sind oft egozentrisch veranlagt und nicht unbedingt Teamplayer.

Es gibt zahlreiche positive Beispiele und zahlreiche negative. Aber ich setze mich jetzt auch nicht mit anderen Mannschaften auseinander. Beim ,Club‘ gibt es auch unterschiedliche Charaktere.

Als Skitrainer ist der Erfolg leicht messbar – an Medaillen. Was wäre für Sie in Ihrem neuen Job ein Erfolg?

Für mich wäre es riesig, wenn ich sehe, dass die Spieler mit Energie und Einsatz auf dem Platz sind, wenn jeder sein Leistungsmaximum herausholen kann. Da müssen wir in Nürnberg hinkommen. Aber es geht auch gar nicht um meinen Erfolg. Eitelkeit war mir immer zuwider. Die fünf Olympiasiege und acht Weltmeistertitel waren nie meine Erfolge, immer in erster Linie die der Athleten. Wenn ich es anders gesehen hätte, wäre ich beim Österreichischen Skiverband geblieben. Da hätte ich in den letzten fünf Jahren noch fünf Gesamtweltcupsiege von Marcel Hirscher sowie ein paar WM-Titel und Olympiasiege feiern können. Es war mir immer wichtig, etwas aufzubauen, die Abfahrtsmannschaft beim DSV zum Beispiel war für mich eine Herzensangelegenheit.

Etwas aufbauen, das können Sie auch beim 1. FC Nürnberg. Wie kam der Kontakt zustande?

Über Trainer Damir Canadi, der ist ja Österreicher. Wir haben uns mal zu einem Erfahrungsaustausch getroffen, als es beim ,Club‘ nicht so gut lief. Wir wollen alle den Erfolg, das eint uns, unabhängig von der Sportart, wenn wir wieder auf meine Skivergangenheit zurückkommen. Und dann haben wir gesagt: Lass es uns probieren.

Interview: Elisabeth Schlammerl

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