Abteilung Attacke

Der alte Hoeneß in neuen Zeiten

von Redaktion

DANIEL MÜKSCH

Um die aktuellen Drohungen des Bayern-Präsidenten richtig einordnen zu können, sollte man den Uli Hoeneß von vor 20, 30 oder 40 Jahren erlebt haben. Passend dazu sagte jüngst ein Kollege und Hoeneß-Begleiter der ersten Stunde zu mir: „Hoeneß war schon immer so! Der hat sich nicht verändert. Er war früher weder diplomatischer noch zurückhaltender.“

Ich glaube ihm das sofort. Aber dann muss sich irgendetwas anderes verändert haben. Denn das Kopfschütteln, mit dem die Öffentlichkeit auf die verbalen Vorstöße der Abteilung Attacke reagiert, ist heftiger als jemals zuvor in der schillernden Karriere des Bayern-Patriachen.

Die Feststellung, dass sich der 67-Jährige nicht verändert hat, ist hierbei Kern des Problems. Er ist derselbe geblieben – die Welt aber nicht. Eine Aussage des bekennenden Internetverweigerers ist binnen Sekunden in der letzten Ecke Australiens zu lesen. Abertausende Kommentare finden sich rasend schnell nicht nur in den (sozialen) Medien. Und Berichterstatter aller Art befinden sich heute in einem ständigen Überbietungswettkampf. Wer liefert die steilere These? Wer die provokantere Überschrift? Eine Reizfigur wie Hoeneß ist der perfekte Multiplikator. Dafür kann der gebürtige Ulmer nichts. Er ist nur ein Teil des modernen Medienzirkus.

Die neue Öffentlichkeit ist allerdings nur ein Baustein für die Hoeneßsche Eskalationslawine. Den anderen Baustein liefert seine Haftstrafe aus dem Jahr 2014. Der Mann, der sich als rechtschaffener Wohltäter generierte, ein verurteilter Steuerbetrüger. Hoeneß kam zurück – seine Aura nicht. Viele hatten gehofft, dass er selbstreflektierter und gemäßigter aus dem Gefängnis entlassen wird. Anscheinend wollte Hoeneß jedoch genau diesen Eindruck vermeiden. Ihm scheint es wichtig, als ungebrochener Mann seine dunkelste Lebensphase überstanden zu haben. Einen geläuterten Uli Hoeneß hätte er wohl als Schwäche interpretiert. Für seine fehlende Läuterung muss er akzeptieren, dass dieselbe Aussage von ihm seit 2014 anders bewertet wird. Auch das mag ungerecht sein. Und Uli Hoeneß kann sich darüber echauffieren – nur ändern wird er es nicht mehr.

Zeiten ändern sich. Ein Uli Hoeneß nicht.

Daniel.Mueksch@ovb.net

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