„Der junge Bock jagt den Platzhirsch“

von Redaktion

Gerhard Berger über das Duell der Ferrari-Rivalen Sebastian Vettel und Charles Leclerc

VON RALF BACH

Singapur – Die Genugtuung war Sebastian Vettel (32) nach seinem Sieg in Singapur anzusehen, dem 53. seiner Formel-1-Karriere. Er hatte es den Kritikern gezeigt, die ihn nach den schweren letzten Wochen schon abgeschrieben haben. Er war erleichtert, happy und vergaß die Zeit. Deshalb kam er auch etwas zu spät zur offiziellen Pressekonferenz nach dem Rennen. Ferrari-Teamkollege Charles Leclerc (21) und der drittplatzierte Max Verstappen mussten ohne den Sieger beginnen.

Als sich Vettel dann innerlich sortiert hatte und den Medien zur Verfügung stand, erzählte er über die harten Zeiten, die hinter ihm lagen. „Ich wusste nur, dass meine Probleme nicht an fehlendem Speed lagen. Es kam halt nicht immer alles zusammen. Ich widme den Sieg deshalb auch den Menschen, die trotz der schwierigen Zeit an mich geglaubt haben“, sagte der Heppenheimer mit einer Mischung aus Stolz und Dankbarkeit nach dem Nachtrennen in der asiatischen Metropole.

Einer davon war sein Ex-Mentor Gerhard Berger (60). Der heutige DTM-Chef und ehemalige Ferrari-Star hatte ihm nach dem Tiefpunkt in Monza, als sich Vettel aus den Punkten drehte und sich sein junger Teamkollege beim Ferrari-Heimrennen in die Herzen der Tifosi fuhr, geraten: „Mache weiter dein Ding und besinne dich einfach auf deine Stärken.“ Berger erklärte seine Sichtweise nun so: „Sebastian trifft das erste Mal in seiner Karriere auf einen wesentlich jüngeren, hungrigen Teamkollegen, der auch noch der Liebling des Teams zu sein scheint. Damit muss er erst mal zurecht kommen. Aber der Sieg in Singapur hat bewiesen, dass er die neue Rolle jetzt angenommen hat. Und das heißt: Den unglaublichen Speed und die Unbekümmertheit, welche die Jugend Leclercs mit sich bringt, mit seiner Erfahrung zu kontern. Dass ein junger Bock den Platzhirsch herausfordert, ist nicht neu in der Formel 1. Das hat es schon öfters gegeben.“

In zwei berühmten Fällen behielt der Platzhirsch dabei die Oberhand. 1984 wurde Niki Lauda bei McLaren-Porsche schnell klar, dass er in Sachen Tempo seinem jüngeren Teamkollegen Alain Prost nicht mehr gewachsen war. „Also,“ so erzählte die im Mai diesen Jahres verstorbene Formel-1-Legende Lauda später einmal, „musste ich umdenken. Ich schenkte das Training gegen Alain praktisch her und konzentrierte mich ganz mit der Autoabstimmung aufs Rennen. Gleichzeitig versuchte ich, Alains Schwachstellen im psychischen Bereich zu entdecken. Die nutzte ich dann gnadenlos aus.“ Lauda gewann am Ende seinen dritten Titel mit einem halben Punkt Vorsprung auf den Franzosen.

1989 fühlte sich Prost wie Lauda vier Jahre zuvor. Von der reinen Geschwindigkeit her hatte er gegen Ayrton Senna, den Emporkömmling im McLaren-Team, keine Chance mehr. Nach der verlorenen WM 1988 gegen den Brasilianer schlug er 1989 aber mit all seiner Routine zurück. Er konzentrierte sich – wie Lauda zuvor – auf die Rennen, machte aber nebenher so viel Politik, dass Senna am Ende die Contenance verlor. Mit dem Ergebnis, dass Prost die WM gewann.

Nur einmal hatte der Platzhirsch trotz seiner Erfahrung keine Chance gegen den jungen Himmelsstürmer: 1991 musste der dreifache Weltmeister Nelson Piquet am Ende des Jahres einsehen, dass Michael Schumacher bei Benetton für ihn nicht mehr zu greifen war. Piquet beendete seine Karriere. Schumacher hatte ihn in Rente geschickt.

Berger relativiert indes: „Vettel ist mit seinen 32 Jahren im optimalen Alter für einen Formel-1-Piloten. Einerseits ist er noch jung genug, um richtig Gas zu geben, andererseits hat er schon über zehn Jahre Erfahrung im Rucksack. Auch wenn er von der Natur her kein Politiker ist, hat er mit seinen schnellen Runden am Ende des Rennens in Singapur Leclerc und dem Team eine klare Ansage gemacht. Und die war: „Ich lebe noch, Freunde.“

Fest steht: Für Vettel war dieser erste Sieg nach 392 Tagen mehr als nur eine Befreiungsschlag. Es war auch eine Kampfansage. Der Heppenheimer hat das Vertrauen in seinen Ferrari wiedergefunden. Das hatte ihm bisher besonders bezüglich des Heckbereichs gefehlt. „Die neuen Teile gehen in die richtige Richtung,“ freut sich Vettel. Und fährt dementsprechend gut gelaunt zum nächsten Rennen nach Sotschi.

Artikel 1 von 11