Poltergeist Hoeneß

von Redaktion

Im Torwartstreit mit Löw war der Bayern-Präsident zum Äußersten bereit

München – Eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft ohne Kapitän Manuel Neuer, ohne die neuen Bosse Niklas Süle und Joshua Kimmich oder Torjäger Serge Gnabry? Für Uli Hoeneß vorstellbar. Der Präsident des FC Bayern war im Torwartstreit mit dem DFB zwischenzeitlich offenbar zum Äußersten bereit: Hoeneß drohte Bundestrainer Joachim Löw mit einem Boykott der deutschen Auswahl.

„Bevor das stattfindet, werden wir keine Nationalspieler mehr abstellen“, sagte Hoeneß über einen möglichen Wechsel im deutschen Tor von Neuer zu Herausforderer Marc-Andre ter Stegen. Diese Aussage gegenüber der „Sport Bild“ tätigte er am späten Mittwochabend vergangener Woche, nachdem er die Debatte im Anschluss an das Champions-League-Spiel gegen Roter Stern Belgrad (3:0) öffentlich angeheizt hatte. „Wir werden das nie akzeptieren, dass hier ein Wechsel stattfindet“, betonte Hoeneß.

Ein klärendes Gespräch mit Bundestrainer Löw, der Neuers Status als Nummer 1 mehrfach bestätigt hatte, lehnt der polternde Patron ab. „Der wird jetzt schon hören, was wir alles gesagt haben, dem werden schon die Ohren klingeln“, sagte er. Allerdings relativierte Hoeneß seine Drohung am Mittwoch. Das Büro des Bayern-Präsidenten teilte dem „Spiegel“ mit, Hoeneß würde die Aussagen „mit etwas Abstand heute nicht mehr so machen“. Überhaupt sei das Thema „für ihn längst erledigt“.

Aus Löws Sicht ist eine Aussprache ohnehin nicht notwendig. „Von so was lasse ich mich nicht beeinflussen. Das lässt mich völlig entspannt in die Zukunft blicken“, hatte er am vergangenen Samstag geäußert.

Mit Neuer, Süle, Kimmich, Leon Goretzka und Gnabry hatte Löw zuletzt fünf Bayern-Spieler in seinem Kader. Das Quintett ist, sofern fit, auch für den Doppelpack im Oktober in Dortmund gegen Argentinien (9.10.) und in Tallinn gegen Estland (13.10./EM-Qualifikation) fest eingeplant.

Der DFB wollte sich auf Anfrage nicht erneut zum Thema äußern. Oliver Bierhoff hatte schon in der vergangenen Woche zu einer möglichen Boykott-Drohung Stellung genommen. Nein, er fürchte diese nicht, betonte der DFB-Direktor in der Bild-Zeitung, „zumal ein Verein laut FIFA-Statuten zur Abstellung verpflichtet ist“.

In der Tat: Das „FIFA-Reglement bezüglich Status und Transfer von Spielern“ hält die Abstellungspflicht in Anhang 1 fest. Diese sei „für alle internationalen Fenster“, Wettbewerbe und Turniere „zwingend“, im Falle eines Verstoßes greife das FIFA-Disziplinarreglement. Diesem zufolge reicht die Sanktionsspanne von einer Ermahnung über eine Geldstrafe bis zur Aberkennung von Titeln, Zwangsabstieg oder Wettbewerbsausschluss.

Löw hat einen ähnlichen Fall bereits erlebt: Vor dem ersten Länderspiel seiner Amtszeit im August 2006 gegen Schweden (3:0) drohten zahlreiche Nationalspieler im „Schuhkrieg“ mit Boykott. Der Mannschaftsrat mit Jens Lehmann, Miroslav Klose, Bernd Schneider und Torsten Frings trat vehement für freie Schuhwahl ein, lenkte aber schließlich ein.

Auch andere Länder haben Boykott-Erfahrung: Der dänische Verband stand im Werbestreit mit seinen Spielern im vergangenen Herbst plötzlich ohne Mannschaft da. Der Finne Riku Riski bestreikte im Januar das Trainingslager in Katar („Es ging um Werte“), die Franzosen um die Wortführer Franck Ribery und Nicolas Anelka ein Training bei der WM 2010 („le fiasco de Knysna“).

Bierhoff ist sicher, dass dem DFB ähnliche Szenarien erspart bleiben. Es habe hin und wieder Unstimmigkeiten gegeben, sagte er, „aber wir wissen doch, dass wir uns gegenseitig brauchen.“ Letztlich sei Löw „alleine verantwortlich für die Nominierung“. Da kann sich Hoeneß auf den Kopf stellen.  sid

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