Der Präsident für alle

von Redaktion

Beim heutigen Bundestag soll Fritz Keller als 13. DFB-Chef installiert werden

VON JAN CHRISTIAN MÜLLER

Frankfurt/Main – Im Frankfurter Kongresscenter wird heute Morgen auch Reinhard Grindel vor Ort sein. Der 58-Jährige dürfte mit einem flauen Gefühl in der Bauchgegend im großen Plenarsaal des DFB-Bundestages sitzen, wenn der vier Jahre ältere Freiburger Fritz Keller als 13. Präsident in der fast 120-jährigen Historie des reichlich aus den Fugen geratenen Deutschen Fußball-Bundes zu seinem Nachfolger gewählt wird. Grindel musste Anfang April als gebeugter Mann das Amt niederlegen, nicht nur die Annahme einer teuren Uhr als Geburtstagsgeschenk aus den Händen des Oligarchen Grigori Surkis kostete den Norddeutschen die Präsidentschaft im größten Einzelsportverband der Welt. Vor ihm waren schon die hohen Herren Gerhard Mayer-Vorfelder, Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach vorzeitig als DFB-Bosse ausgeschieden. Mag auch manches Scheitern in den völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten begründet gewesen sein, so hat man im Verband auch erkannt: Der Job ist zu groß für einen Mann.

Fritz Keller soll es richten. Der Freiburger Fußballtrainer Christian Streich hat seinen scheidenden Vereinschef nicht nur mit warmen Worten verabschiedet, sondern auch seinen Respekt vor der Mammutaufgabe bekundet: „Wenn ich mir vorstelle: DFB-Präsident und sieben Millionen Mitglieder – ich würde sofort in den Keller runterrennen.“ Fritz Keller ist nicht daheim am sonnigen Kaiserstuhl in den Keller gerannt, wo auf tausenden Quadratmetern die erlesensten Weine bunkern. Er wagt es, den Kopf auf dem Schleudersitz in den Wind zu halten.

Bei seiner Vorstellungsrede vor den mehr als 250 Stimmberechtigten wird der überaus erfolgreiche Gastronom ein paar Zuckerl für die Amateure bereithalten und dürfte die Profiklubs aus der Bundesliga herausfordern. Es wird erwartet, dass Keller sämtliche Bundesligavereine dazu verdonnern will, künftig verbindlich Frauenfußballabteilungen zu unterhalten. Das wäre in der Tat eine Reform mit Wums, der sich die Bundesliga aber erst mal beugen müsste. Es wird sich dann zeigen, auf wie viel Gegenliebe das gesellschaftlich gebotene Ansinnen bei den Lizenzclubs stößt. Vereine wie Borussia Dortmund und Schalke 04 stemmen sich – anders als der SC Freiburg, FC Bayern, der VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim, Werder Bremen oder bald auch Eintracht Frankfurt – bisher stabil dagegen.

Keller kann auf diesem Feld nur Vorschläge machen, ohnehin wird er ein Präsident mit begrenzter Reichweite. Per Satzungsänderung wird die Richtlinienkompetenz gestrichen, zudem verzichtet er darauf, die umstrittenen Gremien in den Verbänden UEFA und FIFA persönlich zu besetzen. Das soll und will künftig der ehrgeizige Bayer Rainer Koch als eine Art Botschafter erledigen. Dessen Ansinnen, selbst zum Grindel-Nachfolger aufgestellt zu werden, ist von den mächtigen Proficlubs abgelehnt worden. Ein Mann der Amateure, dem noch dazu die Chefetage des großen FC Bayern nicht gewogen ist, wird in der Deutschen Fußball-Liga als DFB-Chef keinesfalls mehr akzeptiert.

Der viel gescholtene Reinhard Grindel etwa konnte nur unter Aufbietung vieler Kräfte verhindern, dass sich die Deutsche Fußball-Liga durchsetzt und die erste Runde im Traditionswettbewerb DFB-Pokal ohne Beteiligung der Bundesliga-Topteams stattfindet. Fritz Keller wird das zu spüren bekommen, und es wird spannend zu beobachten, ob er von den Fliehkräften am Ende nicht auch zerrissen wird, sondern als Klebstoff wirken kann. Der designierte DFB-Präsident hat schon im Vorfeld keine Mühen gescheut. Sich in Reden binnen eines Vormittags in zwei Berliner Hotels den Abgesandten der darbenden Amateurvereine ebenso erfolgreich zu präsentieren wie den Vertretern des hiesigen Vier-Milliarden-Euro-Betriebs Profifußball. Weil dem 62-Jährigen das nicht reichte, hat er die fünf Regionalverbände entweder persönlich besucht oder sich per Videokonferenz verbunden.

Es soll nichts mehr schiefgehen im Schatten der Festhalle. Eine pikante Personalie wird den Neuen gleich am Anfang beschäftigen: Gerade erst ist dem DFB der langjährige und bestens vernetzte Marketingchef Denni Strich verlustig gegangen. Strichs Abteilung ist hauptverantwortlich für das Gros der jährlich rund 350 Millionen Euro Einnahmen des DFB, von denen 43 Millionen Euro dem Amateurfußball mit seinen knapp 150 000 Mannschaften zugeführt werden. Macht 287 Euro pro Team. Den Kleinen ist das nicht genug. Fritz Keller soll vor allem bei den Proficlubs mehr herausschlagen. Der Hoffnungsträger wird stark sein müssen. Es gibt eine Menge Leute, die ihm das zutrauen.

Artikel 1 von 11