München – Der FC Bayern dominiert die Schlagzeilen. Nicht nur in München, in ganz Deutschland. Das Dauerthema: Der Frontalangriff von Uli Hoeneß auf Joachim Löw und den DFB.
Im Schatten des medialen Feuerwerks hat es Niko Kovac geschafft, aus einem Haufen Individualisten eine Einheit zu formen. In seiner zweiten Saison als Bayern-Trainer beherrschen keine mäkelnde Bankdrücker oder vermeintlich falsch eingesetzte Stammspieler die Schlagzeilen – sondern eben ein gewisser Bayern-Präsident.
Für diese Ruhe musste Kovac in der Sommerpause an einigen Stellschrauben drehen. Mats Hummels, einer der schärfsten Kovac-Kritiker, hat den Verein Richtung Dortmund verlassen. Ein Wechsel, der sportlich nicht sofort Sinn ergab – für die Autorität von Kovac aber immens wichtig. Den Namen Hummels nennt Kovac freilich nicht, aber vor dem Spiel am Samstag in Paderborn sagte er unmissverständlich: „Wir haben die passenden Charaktere dazu geholt. Jetzt können wir uns finden. Die Chemie stimmt.“ Ohne Hummels.
Symbolisch für den neuen Zusammenhalt sieht der Bayern-Trainer den Wiesn-Ausflug der Mannschaft Anfang der Woche. Kein vom Verein oder Sponsor vorgeschriebener Pflichttermin, sondern von Spielern spontan ins Leben gerufen. „Daran erkennt man, dass aus Kollegen und Konkurrenten langsam Freunde werden“, freut sich Kovac über den Teamabend auf der Theresienwiese.
Ebenfalls kritisch beäugt wurde zunächst Ivan Perisic. Mit dem Ex-Mailänder holte Kovac aber einen loyalen Landsmann in den Kader, der nicht so schnell gegen den Bayern-Trainer meutern wird. Selbst wenn er mal ein paar Spiele nicht von Anfang an aufläuft.
Das Star-Ensemble wirkt nach fünf Spieltagen nicht nur im Festzelt harmonischer als noch im letzten Jahr. Edel-Reservisten – wie Thomas Müller – murren nicht und selbst der oft als Ich-AG beschriebene Top-Torjäger Robert Lewandowski schenkt dem Königstransfer Philippe Coutinho einen Elfmeter und verzichtet auf einen eigenen Startrekord. „So wünschen wir uns das“, lobt Kovac das Tor-Geschenk des Polen an den Ex-Liverpooler.
Taktisch ist der brasilianische Nationalspieler der wichtigste neue Baustein von Kovac. Über die Jahre zauberten Franck Ribéry und Arjen Robben zwar beeindruckend über die Außenbahnen, das Spiel des FC Bayern wurde dadurch jedoch immer ausrechenbarer. Mit Coutinho in der Zentralen hat das Bayern-Spiel an Flexibilität gewonnen und der Offensiv-Druck verteilt sich auf mehrere Schultern bzw. Füße. Selbst Chefkritiker Karl-Heinz Rummenigge ringt sich in Interviews Worte für Niko Kovac ab, die entfernt an ein Lob erinnern.
Kovac selber ist ein stiller Genießer. Gefühlsausbrüche sind von dem Kroaten nicht zu erwarten. Allerdings wirkt er deutlich entspannter als vor einem Jahr, obwohl er nicht mal Tabellenführer ist. Also alles eitel Sonnenschein für den Bayern-Trainer? Nicht ganz. Zwei Makel hat der bisherige Saisonverlauf des 47-Jährigen. Zunächst das 2:2 im Auftaktspiel gegen Hertha BSC. Durch die späten Transfers stand dort aber noch nicht komplette Bayern-Power auf dem Platz. So stieß Coutinho zum Beispiel erst die Woche danach zur Mannschaft.
Gravierender haftet noch der Makel der zweiten Halbzeit bei RB Leipzig an Kovac. Nach einer fulminanten ersten Halbzeit hätten die Bayern haushoch führen müssen, gingen aber mit einem 1:1 in die Kabine. RB-Coach Julian Nagelsmann stellte auf 4-4-2 um. Prompt entwickelte sich ein offenes Spiel. Kovac gelang es nicht, mit einer taktischen Gegenoffensive zu kontern.
Eine Halbzeit nicht sofort reagiert – das klingt zunächst nicht außerordentlich tragisch. Aber genau an diesen wenigen Spielen wird Kovac im Frühjahr 2020 bewertet werden. Harmonie, Teamabende und taktische Variationen in allen Ehren.
Pokale und Dominanz sind immer noch die härteste Währung beim FC Bayern.