Doha – Viel deutlicher kann eine Niederlage im Tennis nicht ausfallen. Aber immerhin ein Spiel glückte Ex-Profi Nasser al-Khelaifi bei einem seiner beiden ATP-Auftritte 1996 in St. Pölten gegen Austria-Legende Thomas Muster (0:6, 1:6). Heute ist der 45-Jährige Präsident des Fußballklubs Paris Saint-Germain. Diese drei Sätze könnten der Anfang eines kleinen Sportmärchens sein. Sind sie aber nicht, denn al-Khelaifi, 45 Jahre alt, ist heute nicht nur PSG-Boss, sondern auch einer der wichtigsten Drahtzieher in Katars Sportnetzwerk. In Doha, der Hauptstadt des Emirats, starten heute die 17. Leichtathletik-Weltmeisterschaften. So umstritten wie diese WM war noch keine, das liegt an der Menschenrechtssituation im Land, aber auch an vielen anderen Dingen.
Lamine Diack, seit 1999 Präsident des Weltverbandes IAAF, verkündete am 14. November 2014, dass die WM am Persischen Golf stattfindet. Ein Jahr später wurde der heute 86-jährige Senegalese in Paris unter Hausarrest gestellt. Mittlerweile hat die französische Justiz eine 90-seitige Anklageschrift gegen ihn und seinen Sohn Papa Massata, seinerzeit IAAF-Marketingberater und heute im Senegal untergetaucht, vorbereitet. Begonnen hat der Prozess aber noch nicht. Die Vorwürfe lauten auf Korruption, Bestechung und Geldwäsche. Auch im Fall der WM-Vergabe nach Katar liegt manches im Unklaren.
2011 flossen rund 3,2 Millionen Euro von der katarischen Sportmarketing-Agentur Oryx an ein Unternehmen von Diack junior. Für die WM 2017 bewarb sich Doha dennoch vergeblich, drei Jahre später bekam Katar seinen Willen und Kenias Präsident Isaiah Kiplagat, einer der Entscheider, nebenbei zwei Luxusautos mit Grüßen vom Golf.
Miteigentümer von Oryx ist Nasser al-Khelaifi, selbstredend bestreitet er jegliche Verflechtung. Im Mai wurde zudem Yousef al-Obaidly, Generaldirektor des katarischen Medienkonzerns BeIn, beschuldigt, bei der Vergabe der Leichtathletik-WM Schmiergelder in Millionenhöhe bezahlt zu haben. Boss des mächtigen TV-Senders ist, richtig – Nasser al-Khelaifi.
Welchem Weg man auch folgt, am Ende landet man bei Katars Sportdrahtzieher, der von seinem Jugendfreund, dem Emir, zum Minister ohne Amt ernannt wurde. Seine Zielsetzung ist klar: die Imagepflege. Katar will sich auf der Weltkarte etablieren, auch weil man mit den Nachbarn Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten im politischen Clinch liegt. Der Sport ist Mittel zum Zweck. Die Leichtathletik-WM ist nach Schwimmen (Dezember 2014), Handball (Januar 2015), Straßen-Radsport (2016) und Turnen (2018) die fünfte Großveranstaltung in kurzer Zeit.
Den Höhepunkt des Werbens bildet die Fußball-WM 2022. Aufgrund der zu heißen Temperaturen im Sommer wird sie erstmals im Winter ausgespielt. Auch die Leichtathleten liegen im Oktober eigentlich mit einem Bier am Strand, in den kommenden Tagen laufen, springen und werfen sie in einem extra von 40 auf 26 Grad abgekühlten Stadion, das arme Gastarbeiter aufgebaut haben. Eine besondere „Vorfreude“ verspürt der offen schwule britische Geher Tom Bosworth. „Ich habe meinem Partner gesagt, er soll lieber nicht mitkommen“, so der 29-Jährige. Homosexuellen drohen in Katar mehrere Jahre Haft. Viel deutlicher kann man Menschenverachtung nicht demonstrieren.