Wo die olympische Idee noch lebt

von Redaktion

Natürlich lässt sich trefflich darüber streiten, ob der Schulsportwettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ noch der ursprünglichen Idee seiner Gründerväter folgt. Wer in den letzten Tagen das Bundesfinale in Berlin verfolgt hat, wird kaum davon erzählen können, dass auch im 50. Jahr des Bestehens wieder viele neue Talente entdeckt worden sind, die Deutschland bald vertreten könnten bei Olympischen Spielen. Wer hier in Berlin dabei ist, ist meist längst in einer Eliteschule des Sports, einem Nachwuchskader der deutschen Spitzensportverbände oder zumindest in einem ambitionierten Sportverein. Und spätestens, wenn es schließlich um die Medaillen geht, ist kaum mehr Platz mehr für „normale“ Schulen.

Es hat sich viel geändert in 50 Jahren. Frühjahr 1969 war es, als das Magazin „stern“ gemeinsam mit den zuständigen Kultusbehörden den Wettbewerb ins Leben gerufen hat. Es sollten im Vorfeld der Spiele 1972 in München junge Menschen für den Sport, für Olympia, für die olympische Idee begeistert und Talente gefunden werden, die die Bundesrepublik würdig vertreten im Kampf der Systeme mit dem übermächtig gewordenen Ostblock. Längst aber beginnt auch im Westen die Suche nach talentiertem Nachwuchs viel früher, wer beim Bundesfinale von „Jugend trainiert“ auffällt, ist natürlich schon bekannt als besondere Begabung und wird entsprechend gefördert. „Punktuell“, sagt Peter Bösl, „werden hier noch Talente entdeckt.“ Vor allem bei „Jugend trainiert für Paralympics“, seit 2012 fester Bestandteil des Wettbewerbs. Punktuell, aber ist das nicht zu wenig für den großen Aufwand, der betrieben wird?

Peter Bösl, ein Münchner Sportwissenschaftler, sitzt als Vertreter der Spitzensportverbände im neu formierten Vorstand der Deutschen Schulsportstiftung (DSSS), dem Träger des Bundeswettbewerbs. Man lege in den Verbänden noch immer großen Wert auf „Jugend trainiert“, auch die Bundesländer seien „extremst“ bereit, Mittel dafür einzusetzen: „Die Jugend ist doch unsere Zukunft“. Und wenn der Wettbewerb nicht mehr vordergründig der Talentsuche dient, so sei er immer noch eminent wichtig, um „Kinder für Sport und Gesundheit zu begeistern“. Thomas Härtel, Vorstandsvorsitzender der DSSS, schlägt den Bogen zurück zur Spitze: „Ohne Breitensport kein Leistungssport“. Rund 800 000 Teilnehmer zählt man Jahr für Jahr, eine immense Zahl, die sich in ihren Schulmannschaften über Stadt-, Kreis-, Bezirks- und Landesebene für das Finale in Berlin zu qualifizieren versucht.

Am größten sind die Chancen, wenn sich Schule und Verein zusammentun, in Bayern werden seit 1991 mit dem Programm „Sport nach 1“ Kooperationen gefördert, die den Schulen zusätzliche (Bewegungs-)Angebote für die Schüler und den Vereinen dringend benötigten Nachwuchs bringen. Das aber verlangt nach Einsatz und Idealismus bei den Lehrern, viel Improvisationskunst und Vereinstrainern, die es sich zeitlich leisten können, nachmittags an die Schulen zu gehen. Noch immer also hängt der Erfolg der Schulteams an glücklichen Umständen und Zufällen, gerade in Bayern, wo der einst recht anspruchsvolle Schulsport vor 23 Jahren einem recht radikalen Kahlschlag ausgesetzt war, Sportstunden gekürzt und der Differenzierte Sport fast komplett gestrichen wurde.

Und wenn dann eine „normale“ bayerische Schule doch noch einen Bundessieg in Berlin feiern kann, hat das meist wenig mit Schulsport zu tun. Als das Rosenheimer Karolinen-Gymnasium einst zweimal in Folge im Hockey der Mädchen erfolgreich war, wusste der Sportlehrer Walter Ender den Erfolg schon richtig einzuordnen: „Es ist ein Glücksfall, dass diese Mädchen alle bei uns an der Schule sind.“ Die Stadt hat schließlich drei Gymnasien und zwei Realschulen, aber die komplette Hockey-Mannschaft des DJK Sportbund Rosenheim, die als Vereinsteam auf dem Feld und in der Halle jeweils Platz drei bei den deutschen Meisterschaften belegt hatte, besuchte zufällig die gleiche Schule. Da lag es nahe, sich auch bei „Jugend trainiert“ zu versuchen. Mit Erfolg.

Doch solche Geschichten werden seltener. In diesem Jahr wurde Bayern im Hockey sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen vom Gymnasium München-Nord vertreten, der neuen Eliteschule für den Sport. Im Schwimmen war das Isar-Gymnasium dabei, der Vorgänger als Münchner Eliteschule, wo noch einige Leistungssportler unterrichtet werden. Im Fußball hat sich bei den Buben die Walter-Klingenbeck-Realschule Taufkirchen durchgesetzt, eine Eliteschule des Fußballs, an der viele Nachwuchshoffnungen des FC Bayern, der SpVgg Unterhaching und der Münchner Löwen zur Mittleren Reife geführt werden. Längst dominieren Sportschulen wie diese, denen die Nachwuchsförderung inzwischen zentral anvertraut ist, den Bundeswettbewerb völlig. Deren Teilnahme, berichtet Bösl, werde auch im Vorstand „kontrovers diskutiert“, diese Dominanz demotiviert andere Schulen, ohne die Eliteschulen aber, befürchtet Härtel, „verlöre der Wettbewerb an Strahlkraft“. Eher müsse man über neue Wettbewerbsformen oder auch eine Verjüngung der Altersklassen nachdenken, „eine Ausweitung auf Grundschulen aber“, fürchtet Bösl, „ist schwer machbar.“

Zu den ganz großen Herausforderungen zählt natürlich immer auch die Finanzierung. So lange ist es noch nicht her, da hing das Bundesfinale am seidenen Faden, weil das Bundesinnenministerium (BMI) der Traditions-Veranstaltung für 2015 die Förderung komplett streichen wollte, um mehr Geld für die Nationale Anti-Doping-Agentur zu haben. Der massive Protest, der sich regte, hatte Erfolg. Die Suche nach weiteren Geldgebern aber ist eine stete Gratwanderung, man müsse, so Bösl, ja immer schauen, dass „der Sponsor auch zu den Werten passt, die wir vertreten.“ Andererseits aber könnte man auch fragen, ob es nicht Wichtigeres gibt als die doch recht aufwändigen und damit kostspieligen Bundesfinals in Berlin, die eher eine Eliteförderung sind denn eine Förderung der Basis, der Breite und des Schulsports.

Der nämlich gleicht in Deutschland einer ewigen Baustelle, der Wettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“ aber hat das Potenzial, das leidige Thema immer mal wieder in den Fokus zu rücken, der Gesellschaft und vor allem der Politik deutlich zu machen, wie wichtig Bewegung nicht bloß für die Gesundheit, sondern auch für die kognitive Entwicklung von Kindern ist, gerade in Zeiten der „digital natives“, unserer Generation Smartphone. Vielleicht sollte das Bundesfinale noch viel mehr genutzt werden für Tagungen und Kongresse, für Podiumsdiskussionen zum Zustand der Jugend, zur Situation der sportlichen Nachwuchsförderung. Und für Aktionen, die auch die Bevölkerung zum Mitmachen einladen. Das Bundesfinale als mächtiges Plädoyer für Sport und Bewegung, für die Gesundheit unserer Jugend?

Einer der Gründungsväter, Ewald Wutz, bis zu seinem Tod vor zwei Jahren ein großer Kämpfer für den Schulsport, hat mal laut darüber nachgedacht, ob man den Wettbewerb nicht umbenennen sollte in „Jugend trainiert für die olympische Idee. Mitmachen sollte alles sein, nicht der Sieg.“ Neue Talente nämlich ließen sich am ehesten in den Stadt-, Kreis- und Bezirksentscheiden finden, da, wo noch ganz normale Schulen miteinander wetteifern, Teamgeist entwickeln, Identifikation mit der Schule, weil es ja nicht um den Einzel-, sondern allein um den Mannschaftserfolg geht. Wo auch Kinder, die bisher wenig mit Sport am Hut hatten, zum Mitmachen animiert werden und vielleicht Freude an der Bewegung finden.

Manchmal schafft es dann so eine Mannschaft auch mal ins Bundesfinale, wie einst die Handballer eines Saarbrücker Gymnasiums, die im Tor einen Hochspringer und im Feld einen Fußballer hatten. Die haben hier eher nicht für Olympia trainiert und Ewald Wutz erzählte mal von einem Leichtathletik-Team, das einen 7,30 m-Weitspringer aufbieten konnte: „Doch zum Star wurde ein anderer, einer, der mindestens 5,30 m springen musste, um seiner Mannschaft den Sieg zu sichern. Den haben sie dann mehr gefeiert als ihren besten Mann.“

Das sind die Momente, an denen „Jugend trainiert für Olympia“ zurückkehrt an seine Ursprünge. Hier sollen, so lautete das Mantra von Mitbegründer Wutz, „olympische Ideale wie Fairness, Hilfsbereitschaft, Kameradschaft und Teamgeist gestärkt werden, wichtige Faktoren in einer Zeit, da die Ellbogen-Mentalität zunimmt und das Streben nach materiellen Vorteilen ideelle Werte zu überdecken droht“. So gesehen ist „Jugend trainiert für Olympia“ auch im 50. Jahr seines Bestehens längst noch kein Auslaufmodell. Sondern noch wichtiger als damals, bei seiner Gründung im Frühjahr 1969.

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