Auf Platz 1 – mit einigen Sorgen

von Redaktion

Bayern erobern Tabellenführung, wissen aber: Sie müssen sich noch steigern

VON JONAS AUSTERMANN

Paderborn – Der FC Bayern ist endlich wieder da, wo er – zumindest nach seinem Selbstverständnis – unbedingt hingehört: an der Tabellenspitze der Bundesliga. Zu seinem 64. Geburtstag unter der Woche hatte Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge noch den Gipfelsturm gefordert – Team und Trainer erfüllten ihm diesen Wunsch umgehend. Doch das 3:2 (1:0) bei Aufsteiger SC Paderborn schmeckte weder den Bayern-Stars noch den Verantwortlichen so richtig. Der Grund: Drei Tage vor dem Champions-League-Kracher bei Vorjahresfinalist Tottenham Hotspur offenbarte der deutsche Rekordmeister drei mehr oder wenige große Baustellen. Sportdirektor Hasan Salihamidzic erklärte: „Wir haben das Spiel gegen Paderborn gewonnen, aber nicht in der Art und Weise, wie wir spielen wollen. Wir wollen uns steigern, wir werden uns steigern – und wir müssen uns steigern, wenn wir in London bestehen wollen.“ Woran es bislang hakt? Eine Analyse:

Problem Chancenverwertung: Die nackten Zahlen belegen, dass den FC Bayern bisweilen eine Torschuss-Panik überfällt. 18 Versuche in Richtung gegnerisches Gehäuse unternahmen die Münchner in Ostwestfalen. 15 Mal probierten sie es sogar von innerhalb des Strafraums und mit dem Fuß – die vermeintliche einfachste Art, einen Treffer zu landen. Trotzdem sprangen nach 90 Minuten nur drei Tore heraus. Zu wenig für die eigenen Ansprüche. Coach Niko Kovac sagte: „Es ist nicht das erste Spiel, das wir in der ersten Halbzeit dominieren und uns mit nur einem Tor Vorsprung in die Halbzeitpause verabschieden.“ Stattdessen bräuchte es nach derartigen Auftritten eben mal einen beruhigenderen Vorsprung.

Zur Erinnerung: Schon in Leipzig spielte der FC Bayern seinen Gegner in Hälfte eins nahezu schwindelig, doch zur Pause stand es nur 1:1. „Wir müssen konsequenter sein, dann kommt kein Gegner zurück“, sagt Kovac. In Paderborn besonders grotesk: Selbst Tormaschine Robert Lewandowski verballerte eine Riesenchance (7.). Das Chancen-Feuerwerk setzten Philippe Coutinho (8.), Kingsley Coman (13.) und Serge Gnabry (43.) fort. Manuel Neuer sagte: „Wir haben die vielen Torchancen und unsere Dominanz nicht ins Ergebnis umgesetzt. Damit haben wir uns die Probleme selbst gemacht.“ Gibt es einen Erklärungsansatz? Der Kapitän scherzte: „Der Erklärungsansatz ist, dass wir uns das hoffentlich für Dienstag aufgehoben haben.“

Fehlende Spielkontrolle: Eines vorweg: Der FC Bayern spielt bereits früh in der Saison guten und teils sehr ansehnlichen Fußball. Das große Problem ist nur, dass der Double-Sieger seine starken Leistungen selten über die vollen 90 Minuten zeigt. In Paderborn offenbarte sich das gleiche Bild wie schon bei den Punktverlusten gegen Hertha (2:2) und Leipzig (1:1). Und sogar beim letztlich souveränen 3:0-Sieg in der Champions League gegen Roter Stern Belgrad wackelte die Münchner Führung zwischendurch bedenklich. Joshua Kimmich, der Mann für Klartext, analysierte nach der Partie in Paderborn: „Wir sind ein bisschen zu leichtsinnig mit dem Ball umgegangen. Dadurch signalisieren wir dem Gegner immer wieder, dass etwas möglich ist.“ Tatsächlich spielten die Münchner in der zweiten Halbzeit weniger druckvoll nach vorne. „Vielleicht hatten wir nach dem 2:0 im Hinterkopf: Jetzt ist das Ding durch“, sagte Kimmich.

Fehlende Coolness: In den Schlussminuten wurde es in Paderborns 15 000-Zuschauer-Arena noch mal richtig heiß. So sehr, dass Neuer sich bei Abstößen aufreizend lange Zeit ließ. Diese Abgezocktheit ließen andere Bayern-Akteure vermissen. Der Torwart sagte anschließend: „Uns hat die Coolness und Cleverness gefehlt – und ein bisschen die Routine, als Bayern München so aufzutreten wie in den ersten 45 Minuten.“ Ob das womöglich an den vielen, vergleichsweise unerfahrenen Neuzugängen liegt? Kimmich: „Das glaube ich nicht.“ Die Feuerprobe in dieser Hinsicht steht morgen bei Tottenham Hotspur an.

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