Flagge in die Hand nehmen

von Redaktion

Der FC Bayern steht bei Tottenham vor einem ersten schweren Prüfstein

VON JONAS AUSTERMANN

London – Als der Tross des FC Bayern gestern Morgen das Flugzeug nach London bestieg, war auch eine gehörige Portion Respekt mit an Bord. So recht weiß beim deutschen Rekordmeister offenkundig niemand, wo die Mannschaft aktuell wirklich steht. Die gute Nachricht: Die zweite Partie in der Champions-League-Gruppenphase bei Tottenham Hotspur (21 Uhr/DAZN) wird genau diese Erkenntnis liefern. Das sieht auch Karl-Heinz Rummenigge so. „Wir spielen gegen eine Mannschaft, die letztes Jahr im Finale der Champions League stand, und auch von der Zusammensetzung sehr interessant ist. Das wird ein schwerer Prüfstein für uns“, sagte der Vorstandschef vor dem Abflug.

Für Münchner Staunen dürfte bei dieser Auswärtstour bereits der Veranstaltungsort sorgen. Das Tottenham Hotspur Stadium kostete über eine Milliarde Euro und ist erst seit April 2019 in Betrieb. Die kuriosen Besonderheiten dieser Arena: eine eigene Brauerei, die längste Bar Englands – und ein eigenes Hundeklo.

Zurück zu den wirklich wichtigen Dingen: Der FC Bayern thront seit dem etwas wackligen 3:2-Sieg in Paderborn wieder an der Tabellenspitze der Bundesliga, Kontrahent Tottenham holte in den ersten sieben Ligaspielen erst drei Siege (elf Punkte). Übermütig werden die Münchner das Unterfangen im Norden Londons trotzdem nicht angehen, zu viel läuft noch nicht so wie gewünscht. „Ich bin in Paderborn nach dem Spiel in die Kabine gegangen, da war trotz der Tabellenführung keine Partystimmung, sondern sehr viel Selbstkritik zu spüren. Die Mannschaft weiß, dass sie eine Schippe drauf legen muss – in allen Bereichen“, meinte Rummenigge.

Allerdings scheint ihm nicht zu gefallen, dass Joshua Kimmich sich in Paderborn öffentlich über das Spiel des Rekordmeisters ausgelassen hat. „Wenn man kritisch ist, muss man die Flagge in die Hand nehmen und nach oben halten. Und dann müssen alle demjenigen hinterherrennen. Dann muss er auch große Leistung liefern. Den Anspruch muss er jetzt auch an sich selbst haben“, sagte Rummenigge. Auch Sportdirektor Hasan Salihamidzic mahnte: „Wenn er was sagt, muss er vorne weggehen und Topleistung bringen. Wer die Klappe aufmacht, muss vorne wegmarschieren.“ Als Kritik an Kimmich wollte Salihamidzic dies aber nicht verstanden wissen. „Ich mag Spieler, die was sagen und Verantwortung übernehmen“, sagte er.

Besonders deutlich war das Verbesserungspotenzial bei Mittelfeldmann Thiago zu sehen. Der Spanier, ein ganz feiner Techniker, ist an guten oder normalen Tagen der Dirigent des bayerischen Spiels. In der Anfangsphase der Saison hatte er aber – wie die gesamte Mannschaft – immer wieder starke Schwankungen in seinen Auftritten. „Thiago hatte schon bessere Tage als in Paderborn. Es betrifft aber nicht nur ihn“, ließ Rummenigge wissen. Dann holte der Vorstandschef kurz Luft und fuhr in aller Deutlichkeit fort. „Wir müssen das Spiel von hinten heraus besser eröffnen. Wir müssen im Mittelfeld besser die Spielkontrolle haben. Und vorne hätten wir noch zehn Tore mehr machen können.“

Wichtig in London ist, dass die Bayern ihre gute Ausgangsposition – Tottenham spielte nur 2:2 in Piräus – nicht herschenken. Das fordert auch Rummenigge. „Wir sind in der Gruppenphase, wollen uns erst mal fürs Achtelfinale qualifizieren. Wir hatten einen guten Start mit dem 3:0 gegen Belgrad, wollen nach dem Spiel gegen Tottenham idealerweise weiter Tabellenführer sein“, so der Bayern-Boss.

Bei diesem Unterfangen sollen möglichst zwei Akteure mithelfen, um die zuletzt gebangt worden war. Lucas Hernandez hatte nach einer Rettungsaktion in Paderborn über Kniebeschwerden geklagt. Der Franzose reiste mit seinen Teamkollegen nach England – allerdings nahm er gestern am Abschlusstraining nicht teil. Im Kader befindet sich auch Ivan Perisic, den zuletzt eine Grippe außer gefecht gesetzt hatte. Gestern zeigte sich der Kroate in London aber schon wieder ganz munter.

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