„Die Zeit für Marcel wird reichen“

von Redaktion

Hambüchen über Nguyens Olympia-Traum, eine Heim-WM ohne Medaille und die perfekte 10

München – Am Freitag geht es los. Wenn die deutschen Turner in Stuttgart an die Geräte gehen, wird Fabian Hambüchen, 31, dabei sein. Als Botschafter der Heim-WM will er diesen, seinen Sport fördern, wo es geht. Vorab spricht der Olympiasieger im Interview.

Herr Hambüchen, in Erinnerung an 2007: Wie froh sind Sie, dass Sie in den letzten Wochen nicht im Trainingslager in Kienbaum sein mussten?

Also grundsätzlich muss ich schon zugeben: In Gedanken an die Turn-WM kribbelt’s in mir, theoretisch noch auf dem Podium stehen zu können. Aber die gute Erinnerung an 2007 hält mich davon ab. 2007 war Wahnsinn! Ich war 19 Jahre alt, fast auf dem Zenit, körperlich und mental unfassbar gut. Das ist jetzt nicht mehr.

Haben Sie ernsthaft an ein Comeback gedacht?

Als ich in Stuttgart dabei war, wie die WM-Medaillen geprägt wurden, ging die Maschinerie im Kopf los in Richtung Comeback. Es war krass, was das in einem auslöst.

Wie weit gingen die Gedankenspiele?

Ich bin noch recht fit, vor allem am Reck. Ich habe mich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, mich einen Tag mit meinem Vater hingesetzt und geredet. Olympische Spiele in Tokio hätten mich gereizt, das geht aber vom Zeitplan her gar nicht. Ich bin ja bei der WADA nicht mehr registriert, ich wäre erst im März wieder frei im Wettkampf. Und weil die Qualifikationsnormen inzwischen sehr streng sind. Deshalb habe ich an das Thema nun einen Haken dran gemacht.

Einen finalen?

Ja. Wir können entspannt nach vorne schauen. (lacht)

In Richtung WM, die Sie als Botschafter begleiten. Was lehrt die Erfahrung von 2007: Ist eine Heim-WM Druck oder Ansporn?

Beides zugleich. Es ist ein familiäres Ambiente, aber trotzdem Mega-Druck, wenn man im Publikum nahezu jeden kennt. Die Stimmung damals war aber einfach atemberaubend. Schon bei der Qualifikation hatten wir alle Gänsehaut, weil es so laut war. Das hat uns durch den Wettkampf getragen. Wir waren angespannt ohne Ende – aber haben den Druck positiv umsetzen können.

Sie haben damals Ihr einziges WM-Gold geholt. War das neben dem Olympia-Gold zum Abschluss der Höhepunkt Ihrer Karriere?

Ja. Sowohl emotional als auch von meiner Leistung her. Es wurde in den Jahren danach schwieriger, es gab immer wieder starke Konkurrenten. Zudem haben sich die Wertungsvorschriften nicht zu meinem Vorteil verändert.

Ein Highlight 2007 war die Bronze-Medaille mit dem Team, heuer zittern die Männer um die Olympia-Qualifikation. Was ist seitdem passiert?

Der Nachwuchs ist nicht so stark nachgekommen, wie ich es mir erhofft habe. Dafür kann man viele Gründe suchen und finden, aber gerade jetzt ist es wichtig, mit einer Heim-WM und der schon seit zwei Jahren umgesetzten Neustrukturierung im DTB das Thema gemeinsam anzupacken. Wir sollten diese WM nutzen, um das deutsche Männer-Turnen wieder nach vorne zu bringen. Man muss einfach bei dem klassischen Phänomen aufpassen: Wenn es gut läuft, lehnen sich die Leute zurück. Dabei musst du ja genau da ansetzen, damit es nachhaltig bleibt.

Sie sprechen aus Erfahrung.

Ja. Denn genau deshalb habe ich in Peking 2008 „nur“ Bronze geholt. Ich habe nach dem WM-Gold in Stuttgart gedacht, es läuft und mich mental quasi abgewendet. Das war arrogant! Und heute weiß ich, dass es ein Fehler war. Ich hätte weiterarbeiten müssen und mich nicht ausruhen. Genauso ist es im deutschen Turnsport gewesen. Nachdem die goldene Garde um Philipp Boy und mich aufgehört hat, kam nicht allzu viel nach. Nun ist auch noch Marcel Nguyen verletzt, Lukas Dauser nicht ganz fit. Es gibt ein paar gute Junge. Aber da ist so eine Heim-WM schon aufregend: man weiß nicht, was passiert.

Drohen Olympische Spiele ohne das deutsche Männer-Team?

Wenn die Jungs in Ruhe ihr Ding durchziehen, werden sie in Tokio dabei sein. Davon bin ich überzeugt.

Merkt man im Turnen auch, dass die jüngere Generation nicht mehr ganz so ehrgeizig ihre Träume verfolgt wie Sie früher?

Natürlich. Heutzutage dreht sich ja alles um Social Media –und vor allem um Instagram. Da frage ich mich schon manchmal: Haben die nichts Besseres zu tun? Manche wissen gar nicht mehr, was es bedeutet, hart für seinen Traum zu arbeiten, alles zu geben und zu kämpfen. Auf Instagram kriegt man immer ein tolles Feedback, aber das ist ja nicht die reale Welt. Die findet in unserem Sport tagtäglich in der Halle statt, im Wettkampf musst du dann abliefern. Wenn du das dann nicht hinkriegst, hilft dir die Anerkennung auf Social Media auch nicht weiter.

Dass Marcel Nguyen bis vor zwei Wochen als Hoffnungsträger galt – sagt das alles über das deutsche Turnen?

Nein, das finde ich nicht. Marcel war 2007 bei der WM dabei, er wollte das unbedingt noch mal erleben. Er hat das nicht gemacht, weil er die Nachwuchsprobleme sieht. Es war sein unbedingter Wunsch. Und es wird nicht leicht für ihn, zusehen zu müssen.

Wie bei Ihnen vor Rio schmerzt seine Supraspinatus-Sehne in der Schulter. Ist eine Teilnahme in Tokio realistisch?

Ich habe ihm Mut gemacht. Es ist gut möglich, in sechs bis sieben Monaten fit zu werden. Der Gesamt-Heilungsprozess beträgt in etwa ein Jahr. Aber er kann im Frühjahr wieder voll belasten. Die Zeit wird reichen.

Er war ein Kandidat fürs Barren-Finale. Muss sich das Publikum auf eine WM ohne eine deutsche Medaille einstellen?

Womöglich schon. Auch weil Lukas Dauser am Barren nicht seine maximale Übung zeigt. Bei den Frauen aber kann Elli Seitz am Stufenbarren etwas holen, auch Sophie Scheder. Wenn Sarah Voss am Schwebebalken durchkommt, ist etwas möglich. Es kann zumindest bei den Frauen eine Überraschung geben.

Haben die Frauen den Männern den Rang abgelaufen?

Die Mädels sind definitiv sehr gut aufgestellt. Das Blatt hat sich im Vergleich zu 2007 gewendet. Wobei ich sagen muss, dass das Niveau der Breite bei den Frauen geringer ist als bei den Männern.

Wäre Ihre Gold-Übung von Rio noch etwas wert?

Finalwürdig wäre sie allemal, Top 5 wäre drin, eine Medaille vielleicht schwer. Weil es immer höher, schneller, weiter geht. Es ist schon extrem, was da im Turnen abgeht, wirklich verrückt. Im Moment findet das noch kein Ende. Ich hoffe, dass sich das entschleunigt. Ich finde, es reicht schon lange.

Muss die FIG, der Weltverband, handeln?

Es ist ihre Aufgabe, die nächste Überarbeitung der Wertungsvorschriften derart anzugehen. Ich schreibe gerade meine Bachelor-Arbeit sogar dazu. Ich vergleiche die Reck-Finals von Athen 2004 und Rio 2016. Früher gab es maximal 10,0 Punkte, heute geht es bis über 16. Im Moment ist alles auf einem ähnlichen Niveau, es gibt für alles Regeln – keiner kann sich irgendwie abheben. Es hängt alles von den Kampfrichtern ab, das gefällt mir nicht. Da hat die FIG sich ein Grab gebuddelt.

Was soll sich ändern?

Ich habe erst kürzlich einen Artikel gelesen, wie man wieder zurück zur 10,0 kommen kann. Dabei soll die 10 nicht die Höchstpunktzahl sein, aber aufgrund der Abzüge bei der Ausführung kommt man nicht über die 10. Damit könnte auch das Publikum viel mehr anfangen. Diese 10,0 ist doch ein Mythos. In jeder Game-Show wird für die perfekte Darbietung die 10 hochgehalten. Das muss unsere Sportart doch nutzen.

Auch wenn es bei der WM wieder Wertungen um die 16 Punkte geben wird: Auf welche Übung freuen Sie sich am meisten?

Auf die Reck-Übung von meinem Kumpel Epke Zonderland natürlich. Der fliegende Holländer ist legendär. Ich freue mich aber auch auf das Drumherum: ist es immer schön, wenn man alte Weggefährten trifft, die nun als Trainer oder Funktionäre ihrer Nationen dabei sind.

Und wann werden Sie Trainer und Funktionär?

(lacht) Mal sehen. Aktuell bin ich Botschafter und TV-Experte, in Tokio 2020 auf jeden Fall, womöglich auch 2022. Nach dem Bachelor könnte ich mir auch vorstellen, mich in Richtung mentales Coaching weiterzubilden. Sagen wir so: alles ist offen. Nur eben kein Comeback mehr.

Interview: Hanna Raif

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