Entschnörkeltes Stüberl

von Redaktion

Wirt Benedikt Lankes hat der Kultgaststätte auf dem Löwen-Gelände ein Lifting verpasst

VON ULI KELLNER

München – Relativ früh an diesem Dienstagmittag zeigt sich, dass die Löwen einen würdigen Nachfolger für Christl Estermann, 75, gefunden haben. Bekanntlich ist die in Rente gegangene Kultwirtin nah am Wasser gebaut. Ob 1860 dramatisch siegte, schmerzhaft verlor oder einen lieb gewonnenen Trainer vor die Tür setzte – die Christl hat ihren Tränen häufig freien Lauf gelassen. Nun jedoch steht Benedikt Lankes, 32, vor dem wiedereröffneten Löwenstüberl, gerahmtes Trikot neben sich, die warmen Worte des Geschäftsführers noch im Ohr – und alles ist wie immer. „Keine Emotionen!“, habe er sich in der Früh geschworen, doch als er dann seine Freundin zu sich bittet, um mit einem Blumenstrauß Danke für die Unterstützung in arbeitsreichen Nächten zu sagen, da steigt auch beim neuen Wirt das Wasser in den Augen auf.

„Es war eine Mammutaufgabe“, sagt er später, als er abseits des Trubels die Gedanken sortiert. Es sei ein rechter Verhau gewesen, den er übernommen hat, „aber da bin ich der Christl gar nicht bös. Sie ist ja nicht mehr die Jüngste.“ Noch vor 14 Tagen war sich Lankes nicht sicher, ob er den geplanten Eröffnungstermin schaffen würde. „Vor einer Woche war ich dann so weit zu sagen: Ja, wir kriegen es wohl hin.“ Sein Dank gilt nicht nur den Handwerkern, sondern allen fleißigen Helfern, die mitangepackt haben, um die „historische Stätte“ (Lankes) wieder in eine vorzeigbare Vereinsgaststätte zu verwandeln.

Wenn man sich umschaut, ahnt man, was Lankes meint: Das alte Stüberl – es erstrahlt in einem frischen Glanz, ohne jedoch seinen speziellen Charakter verloren zu haben. Allein den Fliesenboden vom Nikotinstaub zu befreien, sei eine Herkulesaufgabe gewesen. Dazu wurden Stühle und Bänke mit blauem Leder bezogen, die Decke gestrichen, eine stylische Sperrholztheke mit Löwenlogo eingebaut und Fotos aus allen 1860-Epochen aufgehängt. „Und wenn man dann da vorne steht, dann kann man leider nicht anders“, sagt Lankes über seine Gefühle beim Eröffnungsakt im Beisein der versammelten Profimannschaft: „Brutal, was da für Emotionen in einem hochkommen.“

Der Christl wäre es höchstwahrscheinlich nicht anders ergangen, wenn sie gesehen hätte, was aus ihrem Wohnzimmer geworden ist. Trotz Einladung hat sie aber in der Früh abgesagt. „Zu viele Emotionen für sie“, sagt Freundin Moni, die früher im Stüberl serviert hat. Gekommen sind dafür Christls alte Stammgäste. Die Schafkopfer zum Beispiel haben gleich ihren alten Tisch an der Lorant-Gedächtnis-Eckbank eingenommen – und auch sie äußern sich begeistert. „Übersichtlicher. Nicht so verschnörkelt wie bei der Christl“, urteilt Ernst Brummer, 72. Mitspieler Günther Marburger, 66, sagt: „Wir haben uns gleich wieder unseren Platz gesichert – nicht dass er weg ist.“

Das könnte leicht passieren, denn nach der kleinen Feierstunde am Dienstag beginnt an diesem Mittwoch der Alltag für das neue Stüberl. Lankes’ Ziel ist, die traditionsreiche Boazn wieder zu einem Ort zu machen, an dem sich alle treffen, die den Löwen im Herzen tragen: Ismaik-Fans und -Skeptiker genauso wie Anhänger und Gegner des Präsidiums. Hauptsache, sie lassen ihre Gesinnung vor der Tür, unter dem neuen Regendach. „Bei mir lautet der gemeinsame Nenner: 1860, die Mannschaft – und eine Halbe Bier“, sagt Lankes: „Oder zwei.“ Zum fairen Preis von 3,60.

Auf der Karte ansonsten zu finden: die Löwenjausn für 9,20 Euro, Leberkassemmeln (2,50 Euro) und jede Menge Würstl mit und ohne Kartoffelsalat. Als Hommage an die Christl will sich Lankes auch direkt an die berühmten Schinkennudeln heranwagen, nach denen alle immer fragen. „Ich stell’ mich dem Vergleich“, sagt er und lacht.

Zweifel, dass ihm die Gäste am Herzen liegen, muss wirklich keiner haben. Mitten im Gespräch hört man ein „Pling“ aus der Küche: „Ah, der Leberkas“, sagt Lankes. Steht auf, lässt die Presse sitzen, kommt zurück und sagt: „I gfrei mi brutal.“

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