So ganz unerwartet kam es nicht, dass Alberto Salazar, den seine Jünger wie einen Guru bewundern, nun vom Bannstrahl der Sportgerichtsbarkeit getroffen wurde. Und zwar mit drakonischer Wucht: Für vier Jahre wurde der Leiter des „Nike Oregon Projekts“ gesperrt. Der angeblich hinreichend bewiesene Vorwurf: Verstöße gegen die Anti-Doping-Regeln. Schon seit Jahren verfolgten den gebürtigen Kubaner entsprechende Verdächtigungen. Nun also wurde – zu einem sehr medienwirksamen Zeitpunkt – die Maßregelung des umstrittenen Leichtathletikcoaches bekannt gegeben. Die Schockwellen erreichten sogleich die WM in Doha. Und damit auch die deutsche Ausnahmeläuferin Konstanze Klosterhalfen.
Wohlgemerkt: Bislang handelt es sich allein um eine Affäre Salazar. Und in jedem Fall wäre es unangebracht, Klosterhalfen mit einer Art Pauschalverdacht abzustrafen. Schließlich gibt es keinerlei Anhaltspunkte für ein ahndungswürdiges Fehlverhalten der 22-Jährigen. Bezweifelt werden darf allerdings, dass die so talentierte Sportlerin gut beraten war, sich dem Leistungsmaximierer Salazar und seinen Helfern anzuvertrauen. Schließlich war bekannt, dass gegen den Trainer ermittelt wurde, dass ihm unlautere Praktiken nachgesagt wurden. Damit zieht man automatisch Zweifel auf sich.
Nicht von ungefähr wurde Klosterhalfens spektakulärer Leistungssprung (sechs nationale Rekorde in diesem Jahr) auch misstrauisch beäugt. Immer wieder kamen in Interviews unangenehme Fragen nach Salazar. Und die junge Frau machte bisweilen einen fast schon mitleiderregenden Eindruck, wenn sie beteuerte, ihr Erfolgsgeheimnis liege allein darin, dass sie von früh bis spät trainiere. Die Nähe zu Salazar ist für Kosterhalfen schon längst zu einer Bürde geworden. Spätestens seit gestern dürfte diese tonnenschwer wiegen.
Zudem ist es nur schwer nachvollziehbar, dass Klosterhalfens Management sich nun von der Verurteilung des Oregon-Projektleiters „überrascht“ zeigt. Es muss doch jedem Beteiligten – auch Klosterhalfen – bewusst gewesen, was für Risiken die Zusammenarbeit mit dem so umstrittenen Salazar birgt. Hier offenbar Augen und Ohren verschlossen zu haben, stärkte nicht gerade die Glaubwürdigkeit. Jetzt, da der schlimmste Fall eingetreten ist und Salazar als Missetäter dasteht, kann es somit nur eine Konsequenz für die Sportlerin geben: Den Abschied vom Oregon-Projekt. Und das so schnell es geht.
Armin.Gibis@ovb.net