München – Diese ruhige, besonnene Art eines Mannes, der über den Dingen steht, hat Niko Kovac schon lange an sich. Es gab in den letzten eineinhalb Jahren Momente, in denen sich der Bayern-Trainer provozieren ließ, meist aber blieb er ruhig und besonnen, abgeklärt und freundlich. Daran hat sich nichts geändert, und trotzdem hat ihn selten eine Aura umgeben wie dieser Tage, in denen es einfach gut läuft an der Säbener Straße.
Kovac trat gestern, zwei Tage nach der 7:2-Gala in Tottenham, bester Laune auf, er scherzte und lachte. Zwischendurch aber sprach er Sätze, die saßen. Ein paar davon betrafen Thiago, also jenen Spieler, der vom Trainer wochenlang gelobt worden war, am Dienstag aber zunächst auf der Bank hatte Platz nehmen müssen. Warum? Ganz einfach: „Ich muss nach dem Leistungsprinzip gehen.“ Beim 3:2 in Paderborn hatte Thiago nicht überzeugt, „und ich bin mir sicher, dass das nun die richtige Maßnahme war“, sagte Kovac. Die Reaktion des Spaniers, der zur Halbzeit für den verletzten David Alaba kam, „war genau das, was ich erwartet hatte“. Thiago spielte wie jemand, der sich beweisen will und muss. Wie einer, der mitten im Konkurrenzkampf steckt.
Kovac hat einen Kader, in dem er zumindest ab dem Mittelfeld jede Woche Entscheidungen für und gegen Spieler treffen muss. Thomas Müller etwa stand zum dritten Mal in Folge nicht in der Startelf, in Tottenham erwischte es nun Thiago, morgen (15.30 Uhr) gegen Hoffenheim wird vor der Abwehr wieder rotiert werden – während sich die Defensivreihe so gut wie von selbst aufstellt. Jérome Boateng – in Tottenham wegen muskulärer Probleme ausgewechselt – ist zwar wieder im Training und voll belastbar, für David Alaba wird die Zeit bis zur Partie gegen seinen ehemaligen Leih-Verein jedoch nicht reichen. Die in der Anfangsphase der Partie in London geprellte Rippe schmerzt, laut Kovac wird man „von Tag zu Tag“ schauen. Auch Lucas Hernandez muss sich von der leichten Blessur an seinem operiertem Knie weiter erholen, der Franzose wird auch die Länderspiel-Reise mit Weltmeister Frankreich absagen. Beim Blick auf die Kaderliste bleibt da nicht mehr allzu viel Personal übrig.
Die wahrscheinlichste Variante für das Heimspiel am Samstag ist eine Kette aus Joshua Kimmich, Niklas Süle, Boateng und Benjamin Pavard. Kimmich wird dafür aus dem defensiven Mittelfeld auf seine Vorjahres-Position beordert, Pavard rückt als Alaba-Vertreter nach links. Was auch bedeutet, dass das Vertrauen in Alphonso Davies noch nicht allzu groß ist. Kovac sagte über dessen Auftritt in der zweiten Halbzeit von Paderborn: „Auch er weiß, dass er es besser kann.“
Anders sieht es da bei Pavard aus. „Mit Benji“, erzählte Kovac gestern, „bin ich sehr, sehr zufrieden.“ Das, was der 23-Jährige abspule, sei „sehr gut“, deshalb habe der Coach auch keine Bedenken gehabt, als Pavard nach Alabas Auswechslung sogar im Spiel die Seiten wechseln musste. An ihm habe es nicht gelegen, dass die Bayern trotz des Vorsprungs in Tottenham auch in der zweiten Hälfte noch ab und an in Bedrängnis gerieten. „Das ist in England normal.“ Trotzdem sei das 7:2 „ein tolles Spiel“ gewesen, „ein Statement“ sogar.
Kovac sagte diese Sätze ganz ruhig, ungefähr so wie jene über Thiago. So, dass jeder – nicht nur der Spanier– versteht: Abheben verboten!