Bayern-Gala in London

Die Wiesn ist kein Frühlingsfest

von Redaktion

HANNA RAIF

Die Oktoberfest-Zeit ist in München ja bekanntlich eine besondere, und das gilt nicht nur für den Bierkonsum, sondern auch für Bestandsaufnahmen. Ein jährlicher Klassiker: Die Wiesn-Bilanz des FC Bayern. In den zwei Wochen vor dem ersten Oktober-Wochenende nimmt eine Fußballsaison traditionell Fahrt auf, die ersten Englischen Wochen werden dann als Gradmesser genommen. Daher oft gelesen und gehört: Die Wiesn-Krise.

Carlo Ancelotti kann ein Lied von ihr singen (er wurde Ende September entlassen), und auch Nico Kovac kennt den Mechanismus aus dem Vorjahr sehr gut. Ein Sieg auf Schalke stand auf der Wiesn-Habenseite neben zwei Unentschieden (Augsburg, Amsterdam) und zwei Niederlagen (Berlin, Gladbach). Die Mass und das Hendl schmeckten damals gar nicht, während man heuer nach drei Wiesn-Siegen mit Genuss zugreifen kann – und seit Mittwoch auch lauthals „An Tagen wie diesen“ grölt.

Von einem gar „historischen Abend“ sprach Karl-Heinz Rummenigge nach dem 7:2 seiner Bayern in London noch in der Nacht zum Mittwoch. Der Vorstandsvorsitzende bemühte damit ein Vokabular, das er unter normalen Umständen frühestens nach K.o.-Spielen verwendet. Bis solche Partien anstehen, vergehen noch vier bis fünf Monate, davor wartet ein langer Winter. Und trotzdem war die Aussage nicht mal übertrieben.

Ein Sieg dieser Höhe, noch dazu gegen einen Vorjahresfinalisten, hat Signalwirkung bis weit über die Wiesn-Grenzen hinaus. Das bloße Ergebnis – und auch der Auftritt über weite Strecken der zweiten Halbzeit – bestärken das Gefühl, dass die spät, aber gezielt verstärkte Mannschaft auf einem guten Weg ist, auch international eine größere Rolle zu spielen als in der Vorsaison. Kovacs Standing ist ein anderes als vor einem Jahr, die Stars auf dem Rasen arbeiten zusammen, Vieles greift besser ineinander. Heile bayerische Wiesn-Welt, das kann man so sagen. Aber diese Zeitrechnung ist leider bald vorbei.

Es war clever von Kovac, die Euphorie noch vor Rummenigges Worten zu bremsen. Denn auch ein 7:2 darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Elf noch nicht über 90 Minuten stabil ist, sich Schwächephasen erlaubt – und vor allem: Dass noch eine lange Saison vor ihr liegt. Als Betroffener weiß der Trainer nur zu gut, dass die Wiesn kein Frühlingsfest ist. Ab Februar fragt keiner mehr nach dem Herbst. Historische Nächte hin oder her.

hanna.raif@ovb.net

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