Doha – Konstanze Klosterhalfen schaute schüchtern auf das Menschenknäuel, aber sie blieb stehen – und beantwortete jede Frage. Über 20 Reporter hatten sich vor Deutschlands Laufhoffnung aufgebaut und reckten ihr die Aufnahmegeräte entgegen. Im Grunde wollte keiner über Klosterhalfens Medaillenträume über 5000 Meter reden, das große Thema war natürlich: die Doping-Affäre um Trainerguru Alberto Salazar. Das seien „schockierende Nachrichten“ und es mache sie auch ein „bisschen traurig“, sagte Klosterhalfen, nachdem Salazar einen Tag vor ihrem ersten WM-Auftritt für vier Jahre gesperrt worden war.
Der 61-Jährige, Mastermind hinter dem umstrittenen Nike Oregon Project (NOP), wurde aus dem Verkehr gezogen, weil er in dem elitären Team „verbotenes Doping-Verhalten orchestriert und gefördert“ habe. „Aus unserem Team betrifft das alle nicht“, sagte Klosterhalfen, nachdem sie souverän ins Finale eingezogen war: „Wir konnten damals noch gar nicht laufen.“
Tatsächlich geht es bei den Verfehlungen, die die US-Anti-Doping-Behörde USADA gegen Salazar zusammentrug, um die Jahre von 2010 bis 2014. Also um eine Zeit, in der Klosterhalfen noch nicht vor den Toren Portlands an ihrer Form feilte. Seit Ende 2018 lebt und trainiert die Leverkusenerin in den USA, offizielles NOP-Mitglied ist sie seit April. „Ich bin froh, dass das Training bei Pete Julian so gut angeschlagen hat“, sagte Klosterhalfen, die von der bisherigen Nummer zwei hinter Salazar gecoacht wird und in diesem Jahr bisher insgesamt sechs deutsche Rekorde aufgestellt hat.
Das NOP und Salazar, der Stars wie den viermaligen Olympiasieger Mo Farah formte, genießen schon lange einen zweifelhaften Ruf. Klosterhalfen „verstehe“ auch „komplett, dass die Fragen kommen“, schließlich sei „klar, dass sich alle eher auf die negativen News stürzen“.
Aber das Thema sei für sie gerade gar nicht so „wichtig, sondern das Finale“. Da, so der Plan, soll sie am Samstag (20.25 Uhr MESZ) als erste Deutsche eine Medaille über 5000 m gewinnen. „Ich will mein bestes Rennen der Saison zeigen“, sagte Klosterhalfen, die mit ihrem deutschen Rekord von 14:26,76 Minuten die Nummer zwei der Meldeliste ist.
Wie das „German Wunderkind“ werden in Doha alle NOP-Athleten, darunter die neuen Champions Sifan Hassan (10 000 m) und Donovan Brazier (800 m), skeptisch beäugt. „Jeder, der sich auch nur ein bisschen in diesem Sport auskennt, weiß, dass ein Schatten über dieser Gruppe liegt“, sagte etwa Jenny Simpson, und die US-Amerikanerin ist nicht irgendwer. Die Ex-Weltmeisterin und Olympiadritte von Rio über 1500 m meinte: „Warum sich jemand dieser Gruppe anschließt? Keine Ahnung.“
Doch Klosterhalfen sieht keinen Grund, Konsequenzen aus der Affäre zu ziehen. „Ich freue mich schon darauf, nach der Saison wieder dahin zu gehen und besser und schneller zu werden“, sagte sie. Vor der WM nannte Klosterhalfen das NOP einen „Glücksfall“ für ihre Entwicklung.
Ob Klosterhalfen damit so gut beraten ist? IAAF-Präsident Sebastian Coe empfahl ganz grundsätzlich, dass sich Athleten ein Umfeld suchen sollen, in dem sie „sicher sind, dass ihrem eigenen Ruf kein Schaden zugefügt“ wird. sid