Stuttgart – Richtig gute Erinnerungen an sogenannte Heimspiele hat Lukas Dauser nicht. 2017, als das Deutsche Turnfest in der Hauptstadt stattfand und der gebürtige Glonner und Wahl-Berliner als frischgebackener Mehrkampfmeister in den Einzelfinals startete, passierte es: Seine Ringe-Übung endete mit einem „XXL-Kreuzband-riss“. Das Knie des heute 26-Jährigen lag in Trümmern, und es folgte eine Zeit, die Dauser gelehrt hat, was Sportler zu sein auch heißen kann. Er musste sich durchbeißen durch ein Auf und Ab mit einem vorläufigen Happy End: Dauser geht an diesem Sonntag mit dem deutschen Team an die WM-Geräte in Stuttgart. Dieses Heimspiel soll anders laufen.
„Mein Ziel, diese Heim-WM, habe ich nie aus den Augen verloren“, sagt der junge Mann, der beim TSV Unterhaching groß geworden ist. Und wenn man ihn diesen Satz sprechen hört, dann muss man ihm Respekt zollen. Der knapp einjährigen Verletzungspause nach Knie-OP nämlich folgte der nächste Rückschlag. Als er sich im Frühjahr im Trainingslager in Kienbaum einen komplizierten Handbruch zuzog, ging die Rechnerei los. Operation, Reha, Formaufbau. Bis zur ersten WM-Qualifikation der DTB-Riege konnte Dauser nicht fit werden, bei der zweiten war er so gut, dass er es ins Team schaffte. „Auf den letzten Drücker“, sagt er.
Am Sonntagabend, in der letzten Gruppe des ersten Qualifikationstages, geht Dauser nun an drei Geräten an den Start. Wenn man bedenkt, was der Allrounder in Bestform für ein Potenzial hätte, ist das vergleichsweise wenig. Für das Team, dem er als Athletensprecher und Kapitän vorsteht, ist sein Mitwirken aber – vor allem nach der verletzungsbedingten Absage von Marcel Nguyen – sehr wichtig. Die Situation im deutschen Männer-Turnen ist aktuell nicht gerade rosig, das Olympia-Ticket kein Selbstläufer. Sportsoldat Dauser ist derjenige, der die Truppe zusammenhält. „Ich wollte Lukas unbedingt dabeihaben“, sagt Bundestrainer Andreas Hirsch.
Das Podiumtraining unter der Woche lief gut, „wenn wir unser Ding durchziehen, sind wir in Tokio dabei“, prognostiziert Dauser. Und sollte er noch dazu besonders sauber durch seine Barren-Übung kommen, könnte der Einzug ins Geräte-Finale sein persönliches „I-Tüpfelchen“ werden. Anders als beim Gewinn von EM-Silber 2017 ist er aber auf Patzer der Konkurrenten angewiesen.
Im Vorjahr bei der WM in Doha patzte er im Endkampf, auch daraus hat er gelernt. Überhaupt, sagt er, hat ihn die Achterbahnfahrt der vergangenen beiden Jahre als Mensch reifen lassen. Mental, wo er sich von einem Coach unterstützen lässt, und auch im Umgang mit seinem Körper. „Ich weiß, dass er mein Kapital ist und ich ihn pflegen muss.“ Lange bestand sein Trainingsprogramm aus Kniebeugen anstelle von Salti, Schrauben und Sprüngen.
Seit August nun kann Dauser wieder das machen, was er so gerne tut, eine kleine Fuß-Blessur in der unmittelbaren WM-Vorbereitung hat ihn da nicht aus der Ruhe gebracht. Diese Heim-WM soll nun der Startschuss sein für eine Zeit, in der es ums Wesentliche geht. Bis 2024 will Dauser auf jeden Fall weitermachen, „dann bin ich immer noch ein Jahr jünger als Marcel jetzt“, sagt der langjährige Vereinskollege von Nguyen. Auch dessen Karriere war übrigens von Verletzungsrückschlägen geprägt. In Tokio will der 32-Jährige wieder dabei sein. Vorausgesetzt, Lukas Dauser und das DTB-Team lösen nun das Ticket. HANNA RAIF