Doha – Um klare Worte war Thomas Röhler noch nie verlegen. „Die ersten Tage waren traurig“, sagte der Speerwerfer nach seiner Ankunft in Doha. Den Start der Leichtathletik-WM hatte er zu Hause am Fernseher verfolgt – und meist leere Stadien gesehen. „Das zeugte von Desinteresse. Das war nicht die Sportart, die ich liebe.“
Röhler ist auch Athletensprecher beim Weltverband IAAF. Sportpolitik liegt dem 28 Jahre alten Olympiasieger vom LC Jena am Herzen. Auch, wenn es um die Vergabe von Weltmeisterschaften geht. Er könne den Präsidenten Sebastian Coe schon verstehen, sagt er. Der spricht immer wieder von neuen Märkten. „Die Aussagen von Coe, dass wir mit der Leichtathletik in alle Länder müssen, teile ich“, sagt Röhler. Spannend fände er aber die Frage, ob Katar schon bereit war. Denn genug Fans gibt es hier offensichtlich nicht.
Inzwischen haben sie Mittel und Wege gefunden, das Stadion vollzukriegen. Jetzt ist es abends laut und bunt – aber nicht wegen der Kataris. Gastarbeiter sollen kostenlos Eintritt erhalten haben. Das ist ein bisschen geschummelt, aber besser als Ehrenrunden vor leeren Sitzschalen. Die Sporttradition gibt das Land selbst nicht her. Wer kann es einem in der Wüste auch verdenken?
Röhler liegt die Athletik dagegen in der Familie. Er hat als Kind eines Trockenanglers und einer Turnerin mit Weit- und Dreisprung angefangen. Zum Speerwurf kam er spät in der Jugend. Dabei war ihm das Werfen immer am liebsten. Und wenn es nur Steine schnippen am Ostseestrand in den Ferien war. Jetzt gehört er seit ein paar Jahren zu den Besten. Nur in dieser Saison läuft es nicht rund. Die letzten zwei Jahre waren Würfe über 90 Meter an der Tagesordnung. Dieses Jahr ging es noch nicht über 86,99 Meter. „Wir haben alles daran gesetzt, dass wir diesen Peak zum Ende der langen Saison hinbekommen.“
In Doha ist auch sein Heimtrainer Harro Schwuchow dabei. Am Samstag (15.30 Uhr MESZ) sind sie endlich mit der Qualifikation dran. Für die WM will er sich auf nichts festlegen. Hätte man 2018 noch auf ein rein deutsches Podium mit Röhler, Johannes Vetter und Andreas Hofmann setzen können, ist die Weltspitze im Jahr vor Olympia eng zusammengerückt. „Acht Leute können Gold gewinnen.“ Ihn natürlich eingeschlossen. Auf Röhlers Liebling, den lila-weiß geringelten Speer aus Schweden, war noch meistens Verlass.
Eigentlich wäre schon Ende August Schluss gewesen. Aber für Katar ging es in die Verlängerung. Das macht Röhlers Projekt Titelverteidigung in Tokio noch schwieriger. Es sind nur noch zehn Monate bis Olympia. Das ist sein großes Ziel, dem alles, auch die WM, untergeordnet ist. Und trotzdem hat er für Gold am persischen Golf wieder bis zuletzt getüftelt. Neben den Würfen ging es auf die Slackline und zum Ausgleich Angeln. Dazu kamen Faszientraining und Flugkurvenkalkulation, die Drohne für die Draufsicht ist schon einige Zeit sein Begleiter.
Röhler will nichts dem Zufall überlassen. Die Körpersignale, sagt er, sind positiv. Das Trainingslager des deutschen Teams hat er ausgelassen. Sich statt in der warmen Türkei lieber in Thüringen vorbereitet. Er hatte Glück, musste nicht frieren. Das Laub fällt zwar schon im Sportfeld. Aber es waren bis zuletzt über 20 Grad an den Kernbergen. Fast so wie im Khalifa-Stadion. Drinnen sind es dort 25 Grad. Draußen unter Palmen um die 40. Das hatte vor allem den Läufern zu schaffen gemacht.
„Wir sind fast jedes Jahr in Doha gewesen. Wir wissen, dass es in der Wüste warm ist“, sagt Röhler mit einem Augenzwinkern. Die Diamond League macht schon länger im Emirat Station. Der Form tut das in den Technikdisziplinen keinen Abbruch. „Das hat ein bisschen Auswirkung auf Tartan und Co., aber das ist halb so wild“, sagt er. Die Hitze macht den Belag weicher. Geschadet hat ihm das nie.
Er setzt weniger auf Muskelmasse als die Konkurrenz. Er ist athletischer, leichter, wirft flacher. Das kommt ihm im geschlossenen Stadion von Doha mit der komischen Klimaanlagen-Thermik womöglich entgegen. Mit 93,90 Meter hat Röhler hier vor zwei Jahren seine Bestleistung aufgestellt.