von Redaktion

VON GÜNTER KLEIN

Es kam einiges zusammen in den vergangenen Tagen – und schon war die Diskussion um Geschlechterbilder im Sport wieder im Gange.

Zum Start der Basketball-Bundesliga-Saison überraschte Marco Baldi, der Geschäftsführer des Spitzenclubs ALBA Berlin, mit der Streichung der Cheerleader-Auftritte aus dem Rahmenprogramm der Heimspiele: „Wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass das Auftreten junger Frauen als attraktive Pausenfüller bei Sport-Events nicht mehr in unsere Zeit passt.“

Dann der Sprung nach Doha, zur Leichtathletik-Weltmeisterschaft. Katar ist ein prüdes Land, auch deshalb überraschte der Einsatz neuartiger Startblockkameras bei den Sprintrennen. Die sollten das Mienenspiel der AkteurInnen einfangen, doch nahmen noch ein bisschen mehr auf. Der deutsche 100-Meter-Star Gina Lückenkemper rollte böse mit den Augen. Sie fühlte sich unwohl, „in den kurzen Sachen, die wir anhaben“, dem möglichen Blick von unten ausgesetzt zu sein. „War bei der Entwicklung dieser Blöcke eine Frau beteiligt? Ich glaube nicht.“ Der Leichtathletik-Weltverband versprach, die fraglichen Bilder nicht auszustrahlen und zu löschen.

Der Sport hat sich in den letzten Jahrzehnten fraglos im Sinne seiner weiblichen Protagonisten entwickelt. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München waren die 800 Meter noch die längste Strecke, die Frauen laufen durften, seit 1984 steht ihnen auch bei Olympia der Marathon offen. Männliche Bastionen wurden von den Frauen erobert: vom Rudern bis zum Skispringen, das der zuständige Verband zunächst nicht unterstützen wollte, „weil die Wucht des Aufsprungs die Gebärmutter zerstört“.

Bei den Grand-Slam-Turnieren im Tennis erreichten die Frauen, dass ihnen das gleiche Preisgeld ausgezahlt wird, obwohl sie nicht über drei, sondern nur zwei Gewinnsätze spielen. Bei der Frauenfußball-WM 2019 wurde die Forderung nach „equal pay“ von auch männlichen US-amerikanischen Fans erhoben. In Deutschland ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen spürbar bemüht, bei Frauen-Turnieren ein ähnlich aufwendiges Programm zu fahren wie bei WM und EM der Männer: mit ExpertInnen, mit Schalten ins Quartier im Morgenmagazin.

Das sind die Fortschritte.

Anders sieht es aus bei der Präsentation des Sports. Da ist Sexismus – Definition: die unbewusste oder bewusste Diskriminierung auf der Basis des Geschlechts – immer noch anzutreffen. Obwohl die Gesellschaft sensibilisiert worden ist.

Im Beachvolleyball gab es für die Herren nie besondere Kleidungsvorschriften – für die Frauen hingegen waren sie recht detailliert. Bikini-Look, die Höschen knapp. Mittlerweile lässt der Verband auch lange Hosen wieder zu (manchmal ist es kühl und die Verletzungsgefahr hoch), und da auch in muslimischen Ländern die Strandvariante des Volleyballs gespielt wird, dürfen die Athletinnen ihre Haut und ihr Haar weitgehend bedecken. Im Boxen gab es die Diskussion um den Rock. 2012 wurde Frauen-Boxen mit vier Gewichtsklassen olympisch, in den Ring sollten die Kämpferinnen im Röckchen. Dagegen wehrten sie sich – bis wieder Shorts erlaubt waren.

Erstaunlicherweise noch ziemlich unumstritten sind die Nummerngirls beim Boxen. Wobei die Promoter, als die Sportart in den Boomzeiten Ende der 90er-, Anfang der 2000er-Jahre ein bürgerlicheres Publikum fand und vom Luden-Image wegkam, die Damen eher in Abendrobe oder im kleinen Schwarzen durch den Ring stöckeln ließen als im ordinären Puu-Flitter. Und wenn Frauen boxten (Regina Halmich verzeichnete in ihrer Ära höhere TV-Quoten als ihre männlichen Kollegen), wurden die Runden von jungen Herren angezeigt.

Zwei andere Sportarten gingen gegen ihre sexistischen Traditionen an. Beim Darts wird nun auf die Walk-on-Girls verzichtet, die die Pfeilewerfer auf deren Weg zum Brett als schmückendes Beiwerk begleitet hatten. Und in der Formel 1 kam zu Beginn der Saison 2018 der große Cut: Ende der Grid Girls – für die es jede Menge Synonyme gibt: Boxenluder, Umbrella Girls (weil sie auch dazu da waren, die Fahrer kurz vor dem Start bei intensivem Sonnenschein zu beschirmen), Pit Babes, Race Queens. All diese Begriffe sind gelistet auf einer Website aus Berlin, die sich der Präsentation von Damen im Motorsport-Umfeld widmet. Selbstbeschreibung der Betreiber: „Wir sind passionierte Motorsport-Enthusiasten, die neben Benzin im Blut und Asphalt unter der Haut immer auch ein Auge für die schönsten Kurven an der Strecke haben.“

Abgeschafft wurden die Grid Girls keineswegs, sie treten nach wie vor auf bei der DTM, bei 24-Stunden- und Motorrad-Rennen. Auf „gridgirls.de“ werden interessierte Frauen sogar vermittelt – eine Anfrage zu den Hintergründen ließ der Betreiber unbeantwortet.

Umstritten sind auch die Podium Girls bei den Siegerehrungen der Tour de France. Es werde der Anschein erweckt, als seien Frauen ein Siegespreis. Eine internationale Petition zur Abschaffung ist aber nur mäßig erfolgreich, hat ihr Ziel von 50 000 Unterschriften (bis jetzt 37 538) noch nicht erreicht.

Kontrovers diskutiert wird der Fall der Cheerleader, die ja ernsthafte Sportlerinnen sind. Kerstin Schreyer, Frauenbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, setzt sich für ihre Beibehaltung bei Sportevents ein. Zur Freiheit gehöre es auch, „vielfältige Lebensentwürfe leben zu können. Auf ihre Attraktivität sollten sie nicht reduziert werden.“ Auch das wäre ja Sexismus.

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