Ein derartiges Desinteresse der einheimischen Bevölkerung haben sie nicht verdient, die weltbesten Leichtathleten in Doha. Dürfte aber in erster Linie daran liegen, dass diese Sportart in Katar nicht allzu populär ist, was die Verbandsoberen natürlich gewusst haben, als sie in ihrem missionarischen Eifer die Weltmeisterschaft in den Wüstenstaat vergaben. Kein allzu gutes Klima also für Bestleistungen, was aber ganz sicher aufgewogen wird durch andere Annehmlichkeiten, die zwar nicht den Sportlern, dafür aber den Funktionären zugutekommen. Die Scheichs haben so viel Geld, dass sie sich alle Top-Sportevents leisten können. Nach Handballern und Leichtathleten kommen in drei Jahren auch die Fußballer, die schon eher die Stadien füllen, die von Leiharbeitern gebaut wurden, unter denkbar bedauernswerten Umständen.
So gesehen geht es den Leichtathleten richtig gut, nicht aber im Vergleich mit dem Fußball. Da tut sich eine mächtige Kluft auf, was Bezahlung in Relation zur Leistung betrifft. Und das ist nicht gerecht. Klar kann man jetzt sagen, selbst schuld, hätten halt lieber Fußball-Star oder Tennis-Ass werden sollen, dann müssten sie sich nicht neben dem Training noch in Nebenjobs abrackern, um sich erst mal die Miete leisten zu können. 40 Prozent ihres Lebensunterhalts, hat mal eine Untersuchung ergeben, verdienen solche Athleten mit einer beruflichen Tätigkeit, zweitwichtigste Einnahmequelle war die Unterstützung durch Eltern, Verwandte und Bekannte, Sponsoren- und Werbeeinnahmen folgten erst auf Platz drei. Und die öffentliche Sportförderung ist bekanntlich auch eher ein Tropfen auf dem heißen Stein.
Von den Geldern, die im Fußball generiert werden, träumt hier keiner, aber sollte eine Gesellschaft, die Medaillen fordert, nach sensationellen Siegen wie nun von Niklas Kaul lechzt, nicht dafür sorgen, dass die Einnahmen künftiger Helden zum Leben reichen? Da fühlen sich viele im Stich gelassen. Und trainieren trotzdem verbissen und hart, härter als die meisten Fußballer, die bei so einem Pensum gegen den Trainer rebellieren oder sich zum nächsten Verein streiken würden. Es ist, wie uns eine mehrmalige Olympia-Teilnehmerin neulich erzählte, einfach die pure Freude am Sport, diese Leidenschaft, die sie antreibt und immer wieder den inneren Schweinehund überwinden lässt.
Eigentlich sollte man riesengroßen Respekt haben vor solchen Athleten. Den aber zeigt ja nicht einmal ihr eigener Weltverband, der mit lascher Haltung beim Doping das Image der Sportart weiter ramponiert und dann eine WM in ein Land vergibt, das auch nicht den besten Leumund hat. Dazu eine Bevölkerung, die eine fulminante Lichtershow spannender findet als ein WM-Finale im Sprint. Das haben die Sportler, zumindest die sauberen (die es wirklich noch geben soll), nicht verdient.
So jedenfalls will keiner mehr Leistungssportler werden, klagte mal der Hürdenläufer Matthias Bühler, nicht unter diesen Bedingungen. Wer will schon Kraft, Zeit und Ehrgeiz in eine Sportart investieren, die so stiefmütterlich behandelt wird? Die, statt eine Weltmeisterschaft zum absoluten Top-Event vor einem begeisterungsfähigen Publikum zu machen, in einen heißen Wüstenstaat geht, allein des großen Geldes wegen, das dann dem Verband, nicht aber den Sportlern zugutekommt? Ganz viele Talente, so Bühler, gingen verloren. Oder werden dann eben lieber Fußballer, wo sogar weniger Leistung unverhältnismäßig höher dotiert ist.
Gerechtigkeit gibt es halt nicht im Sport, nicht mal im Fußball, wo etwa Frauen bei Weitem nicht die Anerkennung und Bezahlung finden wie ihre männlichen Kollegen. Und da kann man dann nicht mal sagen, selbst schuld. Die Sportart kann man sich vielleicht noch aussuchen, nicht aber das Geschlecht.