Zehnkämpfer Niklas Kaul

Idealbesetzung für die Königsrolle

von Redaktion

ARMIN GIBIS

Die Sensation hatte sich schon in der vorletzten Disziplin angekündigt. Niklas Kaul warf den Speer so weit wie noch nie ein Zehnkämpfer; damit war für den 21-Jährigen völlig überraschend der Weg frei zu Gold. Doch der junge Modellathlet blieb scheinbar ungerührt. Zum Zeichen eben demonstrierter Könnerschaft hob er nur den rechten Arm, streckte den Zeigefinger. Eine kleine Geste war das für eine kolossale Leistung. Und in ihr spiegelte sich eine besonders rare Eigenschaft wider: Der jüngste Weltmeister der Leichtathletik-Geschichte offenbarte die Coolness und Abgeklärtheit eines langgedienten Routiniers. Und obwohl er erst am Anfang seiner Karriere steht, weckte Kaul dabei die Hoffnung, dass sich in dieser grandiosen Nacht von Doha ein kommender Superstar des deutschen Sports präsentierte.

Beim Zehnkampf handelt es sich ja grundsätzlich um eine ganz besondere Sparte. Nicht umsonst ist hier vom König der Athleten die Rede. Die Sieger verkörpern den kompletten Sportler. Und da es zehn Stationen bedarf, bis der Beste feststeht, ergibt sich ein Spannungsbogen der viel Platz bietet für Triumphe und Dramen. Willi Holdorf zum Beispiel stieg anno 1964 bei Olympia in Tokio zum nationalen Helden auf, als er sich im finalen 1500-m-Lauf zu Gold kämpfte – und dann minutenlang schwer um Luft ringend am Boden lag. Diese Bilder liefen jahrelang immer wieder im deutschen Fernsehen.

Holdorf war die erste Legende in einer ganzen Reihe großartiger deutscher Zehnkämpfer. Ihm folgten Medaillengewinner wie Hans-Joachim Walde, Kurt Bendlin, Guido Kratschmer, Jürgen Hingsen, Siggi Wentz, Torsten Voss, Christian Schenk, Paul Meier, Frank Busemann, Michael Schrader, Rico Freimuth, Kai Kazmirek. Arthur Abele. Und nun also Niklas Kaul. Ihn sehen viele gar als Idealbesetzung der Königsrolle.

Sein Talentbeweis war so atemberaubend, dass ihm Olympiasieger Asthon Eaton zutraut, eine ganze Ära prägen zu können. Allerdings sollte man gerade im Zehnkampf mit solchen Prognosen vorsichtig sein. Diese Sparte ist nämlich auf einem Niveau angekommen, das den Muskeln und Sehnen gewaltige Zerreißproben abverlangt. Gerade in Deutschland gab es in den vergangenen Jahrzehnten kaum einen Zehnkämpfer, den nicht gravierende Verletzungen früh gestoppt hätten. Als König der Athleten, dessen sollte sich Niklas Kaul bewusst sein, lebt man gefährlich.

Armin.Gibis@ovb.net

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